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11. April 2009 6 11 /04 /April /2009 15:46
Verschwenderische Vergnügungssucht heisst in der heutigen Sprache: Shopping. Vorzugsweise ist das eine der liebsten Beschäftigungen der Frauen - aber auch immer mehr Männer finden Geschmack daran, seitem die Werbung auch sie persönlich vermehrt anspricht. Und ich bin überzeugt, dass der Anteil noch gestiegen ist, seitdem Pierce Brosnen über den Fernseher von Mann zu Mann über sein persönliches Älterwerden spricht. Und wenn nun auch noch die Männer das Geschäft fördern, kann ja nichts mehr auszusetzen sein, an all dem Schnick-Schnack der in unseren Kleider-, Schuh- und Küchenschränken, in unseren Wohnungen und sogar in unseren Autos herumsteht. Wir alle verstehen Verschwendung, wir verstehen wenn man sich von zwar immer noch tadellosen Möbeln trennen muss, weil man in der Wohnung keinen Platz mehr findet und der Neuerwerb doch so schick ist. Wir verstehen, wenn wir das immer noch funktionierende Handy wegwerfen müssen, wenn doch auf dem Markt nun eine fortgeschrittene Version mit 'bluetooth" erhältlich ist. Wir können schliesslich nicht abwarten, was die Technologie uns noch zu bieten hat, wir müssen up to date sein, immer das Neuste, das Schnellste in unserem Besitz vorweisen zu können, um ja keinen Entwicklungsschritt zu verpassen. Wenn das Neue in monatsschnelle das Alte wird, zeigt das nur die Schnelllebigkeit unserer Zeit auf. Alles muss schnell gehen, wir haben keine Zeit zum Warten; ausser beim Arzt im Wartezimmer. Jede Gelegenheit, die eine Zwangspause schafft, muss ausgenutzt werden. Zu diesem Zweck gibt es schliesslich kleine, handliche Notebooks, die überall hin mitzutragen sind und wobei wir online unser Leben managen können.

"Stress", "keine Zeit", "ein anderes Mal", "Terminplaner "oder immer häufiger auch "burn out" sind die meist gebrauchten Umgangsswörter unserer Zeit. In den letzten Monaten nun habe ich wieder einmal ein Paradoxum persönlich erlebt. Wir gehen mit allem sehr verschwenderisch um. Heutzutage ist kaum etwas nicht ersetzbar. ABER, so beschloss ich als Vorsatz ins neue Jahr, jetzt gehe ich mit meiner Zeit verschwenderisch um. Gesagt, getan. Ich wollte meine Zeit verschwenden, meine Zeit für mich verschwenden. Richtig egoistisch meine Lebenszeit verbrauchen. Losgelöst vom Alltag. Auch möglichst losgelöst von den gängigen Regeln. Hört sich doch einfach an. Logisch und ehrlich. Verständlich. Es geht nicht. Mein Vorsatz, das erste halbe Jahr von 2009 zu verschwenden ist gescheitert. Das erste Problem waren die Ladenöffnungszeiten. Manchmal ging ich ohne Abendessen zu Bett, manchmal musste ich mich sputen, um noch etwas einkaufen zu können und manchmal musste ich Stunden abwarten bis ich mein Geld ausgeben konnte. Meine motzende Nachbarin stand selbstverständlich auch vor meiner Haustüre, und machte mich darauf aufmerksam, dass das Leben bei Tageslicht stattfände und nicht in der Nacht - da sei überall Nachtruhe und Wasser dürfe man nach 22.00 Uhr auch nicht mehr fliessen lassen. Meine verständnisvollen Freunde fanden zu Beginn meines Experiments alles lustig und wollten mich unterstützen. Als ich dann aber ein Hörspiel von Agatha Christie einem redseligen Abend mit ihnen vorzog, begann auch ihre Laune sich zu überschatten. Es artete aus. Einige von meinen Freunden sind im Kontakt zu mir abgesprungen, einige sind erbost, haben mir jedoch eine Bewährungszeit eingeräumt und ganz wenige hatten immer noch Verständnis und gaben mit ihren Telefonaten nicht auf. Sie sind mir treu geblieben, trotz meinen egoistischen Bedürfnissen. Der grösste Feind gegenüber meinem Projekt jedoch war ich selbst. Zu Beginn war es purer Genuss allein in meiner Wohnung mit meinen Gedanken zu sein. Nichts als Siesta zu tun. Ohne Erwartung und Anspruch an die kommenden Stunden, in denen der Mensch wach sein muss, aufzustehen, egal welche Stellung der Uhrzeiger hatte oder ob die Sonne oder der Mond strahlte. Da merkte ich plötzlich wie weit mich unser Alltag geprägt hatte. Ich bekam von meiner Untätigkeit ein schweres schlechtes Gewissen. Warum? fragte ich mich dauernd, das ist doch nicht normal. Wenn Menschen Strandferien buchen, machen sie genau dasselbe wie ich, sie nähren ihre Ohren mit Musik, sie bewegen ihre Augen Zeile für Zeile und lesen ein Buch, sie essen und sie schlafen. Der Unterschied von ihnen zu mir ist, dass sie weggefahren sind, und nicht zu Hause geblieben sind. Somit haben sie sich auch eine Aufgabe gestellt, eine Anforderung an sich. Aber die Aufgabe hatte ich zwar auch.

Plötzlich kam mir die Idee. Es ist der zwischenmenschliche Kontakt, der den markanten Unterschied macht. Der Sinn des Lebens besteht in dem. Alles was wir sind, was wir haben, alles was uns anspornt, sind andere Menschen. Bücher lesen sich zwar am besten alleine, aber auch sie wurden von anderen geschrieben, verteilt und verkauft. Verzichtet man auf all das, muss man als Eremit im unberührten Walde leben. Und diese Vorstellung liess eine Gänsehaut in mir aufkommen und veranlasste mich, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen. Ich verstand, dass ich im Begriff war, der egoistischste Egoist zu werden, die Rosinen auszusuchen, und immer nur zu nehmen, nehmen und nochmals NEHMEN: zu geben vergass ich. Ein Ungleichgewicht entstand, liess mich an den Abgrund einer Depression schauen. Da verstand ich, dass das grösste Geschenk von uns an andere schlicht und einfach unsere Lebenszeit ist. So hören Sie also zu, wenn die Vernier spricht, und bedenket: Geben ist seliger denn Nehmen. Und wer sich selbst am nächsten ist, pickt die Rosinen heraus, wie zum Beispiel den Blog der Vernier, die sich bewusst ist, wie wertvoll der Gedankenaustausch ist. Danke für Ihre Kommentare.

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

WORTlieb mARTin 04/13/2009 18:40

In diesem Sinne: "Waste your time!". Weiter so Vivienne, schön, dass du wieder da bist und Blogs schreibst!

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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