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11. April 2009 6 11 /04 /April /2009 22:30
Vorzugsweise ist mein Augenmerk meist auf die zahlreichen praktischen Beispiele der acht Todsünden gerichtet, die der europäische Ton, sprich unsere Gesellschaft,  mit einer Selbstverständlichkeit begeht wie die Mitglieder dieser Gesellschaft denken, Milch wird von grossen Detailhandelsgeschäften produziert.

Wo früher die Inquisition mit Pauken und Trompeten eingeschritten wäre, blinzelt man heutzutage nicht einmal mehr mit einer Wimper. Unbemerkter, banaler Alltag ist das alles geworden. Wir sind abgestumpft. Ein wuderbarer Kontrast zwischen alten und neuen Werten. Kennt man sich in beiden ein bisschen aus, verspürt man plötzlich einen Drang zu kritisieren - und das macht mit Übung äusserst viel Spass. Ergibt man sich jedoch diesem Vergnügen mit aller Hingabe, ohne selbst auch zu agieren, wird die persönliche Distanz zum Leben ungesund. Es kann gar soweit kommen, dass der Kritiker sich plötzlich in einem Thronsessel in einer Theaterloge befindet, auf die Bühne des wahren Lebens hinunter sieht und Kommentare vor sich hinbrabbelt, ohne bemerkt zu werden. Also ist auch hier ein gerechter Ausgleich gefordert, um nicht in Wahnvorstellungen zu verfallen. Genug der metapherischen Worte, ein praktisches Beispiel gefällig:

Heute hat eine Mutter mit einer für meine Verhältnisse total falschen Erziehungsmethode meinen Weg in der Strassenbahn gekreuzt. Ihr kleiner Sohn schrie bereits beim Einsteigen wie ein Teufel. Die anderen Mitfahrenden verzogen ihre Lippen missbilligend und schauten zwanghaft aus dem Fenster, obwohl die Reise durch einen dunklen Tunnel führte. Die allgemeine Anspannung verstärkte sich. Die Mutter hob die Hand und schlug genau dann zu, als die Strassenbahn den Tunnel verliess. Einige Fahrgäste billigten dies, einige hatten mit dem Kleinen Mitleid und einigen war's egal, es geht sie ja nichts an.

Der unmusikalische Ausstoss des Zöglings wurde lauter, die Mutter bewirkte mit dem Schlag, dass die Beleidigung des Ohres um einige Oktaven höher wurde. 
Ich betrachtete ihre gezeigten Fähigkeiten und resignierte angesichts solch ignoranter Dummheit. Also stand ich auf, zog wortlos die Notbremse und schickte sie mit ihrem Sprössling an die frische Luft, mit dem Vermerk, ein Spaziergang würde beiden guttun; das Kind könne seine überschüssige, aufgestaute Energie während des Gehens abbauen und körperliche Bewegung rege den Denkprozess an, vielleicht kämen ihr dann Ideen wie sie auf Gewalt in der Erziehung verzichten könne und ihrem Kind doch eine menschenwürdige, der heutigen Zeit angepassten Erziehung bieten könne. Dabei dachte ich mir, dass sie vielleicht eine Selbsthilfegruppe aufsuchen sollte, dass dieses Weib nicht bei der Verhütung hätte sparen sollen und dass genauso Gewalt gelehrt wird. Durch meine dramatische Handlung perplex geworden, gehorchte sie und wir waren sie los.

So kam ich zu guter Letzt doch noch zu einer, im voraus bezahlten, behaglichen Strassenbahnfahrt, dachte ich erfreut.- Ha! Denkste, Ende gut alles gut. Die Autorin dieser Szene heisst nicht Barbara Cartland und es ist kein schauerlich kitschiger Roman, sondern das wahre Leben! - Also genoss ich nach diesem Fiasko keine bequeme Fahrt, im Gegenteil! Alle Augenpaare im überbesetzten öffentlichen Verkehrsmittel waren auf mich gerichtet. Sie hatten etwas nicht alltägliches Befremdliches erlebt. Sie waren regelrecht dabei, als eine Unbekannte Zivilcourage zeigte. Sowas sehen die ja sonst nur auf Privatsendern, laben sich an Missständen anderer und fühlen sich gleich besser - ohne einen Finger gekrümmt zu haben. Der Glotzerblick, den sie ansonsten in ihren Wohnzimmern vor dem TV haben, bannte sich in einer kaum vorstellbaren Intensität auf mich. Meine gute Tat wurde mir wieder einmal mit Schrecken entlöhnt; indem ich Mittelpunkt einer Meute wurde, die sich von Menschen immer mehr zu Hyänen wandelte. Es braucht keine Filme wie "Scream", um mich zu erschrecken, die furchterregende Maske im Alltag ist für mich die, der wortlosen Sprache mächtigen, Augensprache. Es ist faul, den TV zu Hause anzustellen, Kommentare über Akteure einer Reality Sendung herauszubrubbeln, und zu sagen, wie man in einer dieser Situationen handeln würde.

Hören Sie aber zu, wenn die Vernier spricht und geben sie bewusst manchmal die zugetragene Bequemlichheit auf, hinterfragen Sie auch manchmal ihr Gewissen und bitte glotzen Sie nicht so blöd, wenn Sie jemanden sehen, der Zivilcourage zeigt, sondern applaudieren Sie! Graben Sie auch mal nach Leichen im Keller - auch bei der Geschichte der katholischen Kirche; so werden auch Sie herausfinden, dass ein Papst vor langer Zeit die achte Todsünde 'geistige Faulheit' aus persönlichem Wohlbehagen kurzum streichen liess und wir uns aus geistiger Faulheit eben mit nur 7 Todsünden begnügen dürfen.

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

Schweinchen Ape 04/12/2009 13:08

8 Todsünden? Stimmt das? Wenn ja: Eine Frechheit von der Kriche. Wenn nein: Eine Frechheit von der Vernier. Gutes Blog, was ich so lese, aus der Versenkung auferstanden, Frau Vivienne Phoenix?

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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