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19. April 2009 7 19 /04 /April /2009 17:46
Das Leben in der Stadt unterscheidet sich so sehr vom Landleben wie das Schaffen des Schriftstellers im Vergleich zu der Bedienungsarbeit eines Kellners in der Kneipe. Bewegung, zuhören, Gespräche, akkustische, sowie visuelle Eindrücke rund um die Uhr versus ausharren und halten, natürliche Geräuscheteppiche, Ruhe und Nachdenklichkeit in abgeschiedener Umgebung.

Und trotzdem sind viele gemeinsame Stränge vorhanden. Nehmen wir als Beispiel die Grundstückbebauungen; jeder braucht vier Wände und ein Dach, damit es einem nicht auf die Glatze tropft. In ländlichen Regionen ist das eigene Land als Bauplan dazu da; man entscheidet sich zum Bau des Hauses auf dem strategisch bestgelegenen Punkt der besitzeigenen Hektaren. In der Bauung der Stadt haben die Urväter bereits bestimmt, wo eine Allee, wo ein Park, wo ein Quartier gebaut werden musste. Beim Wachstum der Stadt kam es durch die Landflucht dazu, dass der noch vorhandene Platz möglichst effizient genutzt wurde. Als jener auch nicht mehr ausreichte, frass die Stadt einfach die Aglomerationen. Die Stadtplaner wurden zu Richtern erkoren, welche Urteile über bestehen oder untergehen baufälliger Gebäude sprachen. Der Pflichtverteidiger dieser Ruinen, nämlich das Heimatschutzvereinchen, hörte den Wecker zu spät und schritt zur Verteidigung seiner Schutzbefohlenen mit massiver Verspätung ein. Die Nachträglichkeit dieses Winterschlafes führte dazu, dass wir in der Stadt nun sehr wohl noch über einige geschichtsträchtige Wohnhäuser verfügen, die in vergangener Zeit das Quartier einer Familie des Bürgertums war, heute aber nur noch mit einer monatlichen Entschädigung in massiver Höhe zu ergattern ist.
Gewiefte Architekten setzten sich mit ihren Vorschlägen durch, füllten ihr Portemonnaie und verdammten uns, in Hausungen zu wohnen, die im Verhältnis zum Stall eines Meerschweinchens reichen. Diese Architekten haben uns vorgegeben, wie unser Nachhauseweg sich gestaltet, wo wir auf diesem Weg den Himmel sehen dürfen, wo uns ein Baum begegnen darf und wann der Verkehrslärm unser Spazieren (wie es auf dem Land, ein Bächlein tun würde) begleitet.

Unbemerkt sind sie in unseren Alltag gekommen - durch die Einteilung von unzähligen Wohnungen in einem Haus, leben wir wie Ameisen in einem Hügel. Wir müssen unsere natürliche Handhabung des Lebens zum Wohle der Allgemeinheit (sprich nervenaufreibende Nachbarn) verleugnen und uns an die Hausordnung halten. Putzen tagsüber, spontane Feiern nach 22.00 Uhr sind verboten. Unbemerkt haben sie unser Schamgefühl manipuliert. Wir haben Angst davor, in einem Smalltalk einen Schnitzer durch eine politisch unkorrekte Äusserung zu begehen, aber betrachen es als natürlich, dass unser Nachbar im Nebenhaus, unsere Fenster zu seiner kleinen Bühne, die er tagtäglich als Zuschauer nutzt, erkoren hat und unsere intimen Gewohnheiten auf dem Silberteller serviert bekommt. 

Wenn das ganze Wohnhaus akkustisch mitbekommt, wie wir unserem Liebsten bei der Vereinigung entzückte Lustschreie schenken, ist das halt eben den dünnen Wänden zuzuschreiben...


Haben Sie Zweifel darüber? Dann überprüfen Sie! Der Architekt ihres Wohnhauses wohnt GARANTIERT nach anderen Bauplänen, als dass er es Ihnen zumutet! Schliesslich musste er ja nur für seine ideal und perfekt ausgetüftelten Pläne, andere, zweckmässigere aufs Papier werfen und sein Bausparschwein wurde dicker und dicker! Überzeugen Sie "Ihren" Architekten doch einmal - wenn nötig unter Zwang - dazu, Ihre Wohnungen für einen Monat. zu tauschen. Und Sie werden daran denken, was die Vernier gesagt hat und hören deshalb auch das nächste Mal zu, wenn die Vernier spricht!

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

cliotherma 04/24/2009 16:23

schönes bild! guter blog.

Chassandra 04/20/2009 13:07

Alo ich habs versucht, und mein Architekt weigert sich die Wohnung mit mir zu tauschen. Ausserdem weigert er sich, weiterhin "MEIN" Architekt zu sein. ;D

Die Vernier gibt mir immer so Anregungen zum Denken mit ihrem Blog. Ziemlich schräg, aber durchaus spannend, Danke!

Chassandra 04/20/2009 13:07

Alo ich habs versucht, und mein Architekt weigert sich die Wohnung mit mir zu tauschen. Ausserdem weigert er sich, weiterhin "MEIN" Architekt zu sein. ;D

Die Vernier gibt mir immer so Anregungen zum Denken mit ihrem Blog. Ziemlich schräg, aber durchaus spannend, Danke!

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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