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21. Mai 2009 4 21 /05 /Mai /2009 22:48
Kürzlich gaben wir eine kleine Abendparty in unserem Wohnzimmer. Geladen waren Freunde und - im Minimum gehalten - auch sogenannte Pflichterfüllungsgäste. Wären wir ein Freizeitpark, wäre die Einladung das Warnschild gewesen, auf diesem unmissverständlich zu lesen war: "Mitfahren auf eigenes Risiko, sollten Sie an einem hohen Blutdruck leiden, raten wir Ihnen davon ab, einzusteigen." Unsere Pflichterfüllungsgäste, ein Paar, das bald heiraten wird, verstand die Warnung nicht - im Gegenteil, sie wollten allen Anwesenden durch ihr Mitbringsel beweisen, wie ausgefallen ihre Kreativität war. Beim Auspacken der "Überraschungstüte" waren die Würfel gefallen. Wir, als auch unsere Freunde, verstanden. In einem Kreis von neurotischen Exzentrikern, die sich allesamt erkannt haben, gegenseitige Toleranz für die individuellen Macken eines jeden aufbringen und damit auch äusserst respektvoll umgehen, erschien dieses Paar als Holzfäller, die im WWF Schutzregenwald die Motorsäge starten. Ein empathischer Mensch macht im Schock zuerst einen Schritt rückwärts.
Damit meine Leserschaft begreiffen kann, möchte ich zwischendurch Erklärungen abgeben. Unsere Freunde sind kreative Menschen, die sich einen Beruf in der Kunst ausgesucht haben, die alte Garde, bei der sich alles vermischt. Die für die Kunst zeitweise alles entbehrt- ihren Glauben an ihr Schaffen aber auch dann nicht verloren haben und dafür im Herbst ihres Lebens die Belohnung (auch in materieller Sicht) in vollen Zügen geniessen können. Unsere Pflichterfüllungsgäste ist ein klassisches, modernes Paar: Beide sind berufstätig und wohlverdienend, in einer schwedischen Vorführwohnung lebend, und wenn man Selbsthilfe und esoterische Bücher zum wahrhaften Lesestoff zählt, auch lesend.

Zum Leidwesen aller verstand die zukünftige Braut nichts. Sie breitete sich auf dem Sofa aus; physisch wie gesprächlich. Die Aufgabe des Gastgebers ist wohl immer die anspruchvollste und einnehmendste, mit der Anforderung, dass man den Gästen  gegenüber entspannt und locker auftritt, ohne dass diese die Anspannung bemerken. Ich schenkte meine volle Aufmerksamkeit der Prinzessin - mein Mann den restlichen Gästen und das war ehrlich gerecht aufgeteilt! Sie prasselte sofort auf mich ein. Tags zuvor sah ich in der Buchhandlung das Werk von Arno Gruen 'Der Wahnsinn der Normalität' stehen. Ich war froh, es nicht gekauft zu haben, denn ich bekam es eben live und intensiv vorgeführt. Das Mass des Einflusses der Medien auf Menschen, die sich nicht schützen können, endet in einem verheerenden Selbstbetrug. Erschreckend, wie sie die tiefsten Gefühle prägen und falsche Vorstellungen von diesen in die Köpfe der Konsumenten pflanzen. Das arme Mädchen glaubt wirklich, dass der Partner der Liebe wegen auch zum Vegetarier mutieren muss, dass konstantes Handrückenstreicheln allen Anwesenden zeigt, wie tief diese Liebe geht und man immer einer Meinung ist - sollte das nicht der Fall sein, kommt es zur Aussprache, in der das letzte Wort den Sieger krönt. Ihrer Meinung nach ändert der Partner die Ansicht aus Bekenntnis zur Liebe und nicht weil er davon überzeugt worden ist. Plötzlich stieg Mitleid in mir auf. Die beiden standen unter einem schlechten Stern. Aus einer Sehnsucht hinaus verdrängen sie ihr wahres Ich, spielen sich, sowie dem Partner und allen anderen etwas vor; am Besten eine Komödie von Shakespeare. Kompletter Selbstbetrug mit Manipulation auf andere Lebewesen. Selbstbewusstsein und Unabhängikeit sind auch nicht mit einer hohen Position im Beruf erreicht oder im kategorischen Alleswissen über Gut und Böse und Regeln.

Punkt 22.00 Uhr standen sie auf, verabschiedeten sich, dabei warfen sie einen vorwurfsvollen Blick auf die übrig immer noch sitzengebliebenen Gäste, denn für das Scheintraumpaar gilt: Es ist unhöflich länger als 22.00 Uhr zu bleiben oder sie nach 22.00 Uhr noch anzurufen....
Scheinbar harmlos geltende Unterhaltungsgenre zerstören des Menschen Individuum. Hochglanzmagazine prägen das Ziel unseres Strebens nach Schönheit. Werbung von leicht erreichbaren und alles anbietenden Megastores, die uns mit Ware ab der Stange versorgen, wissen was chic ist. Im Kaufrausch fällt es nicht auf,  dass jeder  - ganz im Sinne des kapitalistischen Kommunismus' - dasselbe kaufen kann. Der Fernseher ist zum Alltagsgegenstand geworden und zieht uns regelmässig in Fiktionen, die wir als Realität ansehen und umsetzen. Die Tagesschau sagt uns, was in der Welt geschehen ist, jeden Abend warten wir auf Nachrichten und sind über die Meldungen erstaunt. Würde man nur die Fakten raushören - vielleicht nachforschen - könnte man selbst Vorhersagen machen, was morgen in den Meldungen verkündet wird, ähnlich wie man es beim Wetter tun kann. Wie up to date jemand ist, dem wir auf der Strasse begegnen, erkennt man auf einen Blick an seinen multimedialen Geräten, die er mitträgt. Jederzeit einen Check der Mails muss doch möglich sein. Klar kann das Mail nützlich sein und doch geht bei dieser Kommunikationsart soviel Sinn, der uns eben gerade zu Individuen macht, verloren: Die Augen und ihr Ausdruck des Gegenübers, die Körpersprache, das Unausgesprochene, u.s.w.

Die Vernier verehrt den Individualismus mitsamt seinen Konsequenzen. Werte und Ideale, die den Menschen in jeglicher Hinsicht einzigartig machen, bestimmen doch unter anderem auch, ob wir jemanden mögen oder unsymphatisch finden. Lügnerische Werte, die man aus den Medien gezogen und übernommen hat und die nicht aus dem Wesen eines Menschen stammen, machen die Vernier agressiv!

Wenn Sie nun der Vernier zugehört haben, überprüfen Sie die ultimative Vorstellung Ihrer grossen Gefühle - sind es Ihre ureigenen oder haben sich manipulierte Mutationen eingeschlichen?

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

pötin 06/05/2009 16:14

ich bins nochmal:
ich sage ja immer; zeig mir deine freunde und ich sag dir, was du mich kannst. der mensch definiert sich nach aussen, da kommt ihm die werbung und die medien gerade recht, so braucht er nicht zu reflektieren, sondern bloss zu übernehmen. traurig, traurig.

WORTlieb 05/22/2009 14:58

Kapitalismus ist ja auch nur eine kommerzielle Form des Kommunismus. Stimmt.

Vernier du bist super! Also wenn ich nicht verheiratet wäre, würde ich nach Berlin umziehen, um mit dir jeden Abend philosophieren zu können(ohne Gäste)...

piroschka 05/22/2009 00:46

Leider sind diese Höflichkeitseinladungspaare in der Mehrzahl...

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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