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12. Juni 2009 5 12 /06 /Juni /2009 05:09
Vergnügungssüchtige Genussmenschen haben heutzutage einen schweren Stand. Merkmal dieser Menschengattung ist sicherlich der Hunger auf Wissen, die Neugier auf die Vielfalt des Lebens und der Anspruch auf Gründlichkeit. Man könnte im psychologischen Sinne auch sagen, sie seien manisch, somit also krank. Ich stimme dem aber nicht zu! Sondern ich ordne Genussmenschen einfach nur Perfektionismus zu. Die Ironie dabei ist aber, dass jeder Patient von seinem Arzt die perfekte Arbeit an seiner Seele oder seinem Körper erwartet - damit man also seinem Arzt auch Vertrauen schenken kann, muss man glauben, dass er fehlerfrei arbeitet und somit auch ein Perfektionist ist. Der Arzt leistet also nur gute Arbeit - beim Patienten hingegen  wird  'manisch' ... diagnostiziert und er bekommt  vom 'Gott in Weiss' Antidepressiva verschrieben.

Wenn Sie noch nicht wissen, ob Sie dieser Menschengattung angehören, lesen Sie einfach meine folgenden Beispiele. Sollten Sie dabei überwiegend Verständnis haben, sage ich nur: Willkommen im Klub.

Vorweg möchte ich noch betonen, dass alles immer sehr harmlos beginnt: Sie verbringen Ihre freien Tage auf dem Balkon, geniessen die Aussicht. Plötzlich fällt Ihnen auf, dass im Gartenbeet unter Ihrem Balkon zwar Blumen fehlen, dafür aber reichlich Unkraut vorhanden ist. Man holt die Hacke, befreit das Beet von Unkraut. Kauft ein paar Blumen ein, setzt sie ins Gartenbeet. Bei jedem weiteren Einkauf folgen ein paar Setzlinge mehr. Da Sie jedoch planlos zu pflanzen begonnen hatten und nun über eine reiche Auswahl verschiedenster Blumen verfügen, muss gemäss goethischer Farbenlehre alles neu arrangiert werden. Langer Rede, kurzer Sinn: Den Sommer verbringen Sie nun nicht mehr im Liegestuhl, sondern mit Gartenarbeit; mit dem Jäten, dem Schneiden verblühter Knospen, dem Beseitigen der Steine in der Erde, etc.

Oder Sie kaufen regelmässig in einer Buchhandlung ein. Plötzlich überwältigt vom grossen Sortiment an Neuerscheinungen zieht es Sie in kleine Buchantiquariate. Eine neue Welt öffnet sich vor Ihnen. In sporadischen Gesprächen mit anderen Bücherjägern lernen Sie die Bedeutung von Erstausgaben kennen, entdecken, dass von Ihrem bevorzugten Buch auch eine Luxusausgabe - ledergebunden mit Goldprägung - existiert. Als wäre dies noch nicht genug, erbeuten Sie ein signiertes Exemplar von einem längst verstorbenen Autoren - und ZACK! Sie sind vom 'Antiquariatsfieber' erfasst; von den Büchern mit ihren Geschichten, Reisen, Zeitspuren - es zählt nicht nur der Inhalt eines Buches, sondern auch  das Buch als Zeitdokument. Und Sie werden immer weiter graben, forschen, suchen - bis der Platzmangel in Ihrer Wohnung Ihnen Einhalt gebietet.

Oder Sie überfliegen in einem Feng-Shui-Ratgeber den Tip, dass eine Schildkröte gegen die Eingangstüre gerichtet, Sie vor bösen Einflüssen beschützt. Beim Shopping laufen Sie zufällig einer niedlichen, kleinen Dekoschildkröte über den Weg, die auch noch preisgünstig ist....Es wird nicht lange dauern und Sie verfügen über eine kleine, emaillierte Schildkröten-Lampe, unzähligen Schildkröten aus verschiedensten Materialien und plötzlich auch noch über eine tätowierte Schildkröte auf Ihrer Brust. An das Feng-Shui glauben Sie zwar immer noch nicht, aber Schildkröten faszinieren Sie ....
Oder Sie offerieren Ihren Gästen ab- und zu Spirituosen nach einem gut gekochten Abendessen. Dabei machen Sie die Entdeckung, dass es unzählige Cognacflaschen zu weit auseinanderklaffenden Preisen gibt. Sie kaufen grosszügig eine aus jedem Preissegment ein und versuchen mittels Eigendegustation eine Rechtfertigung für den Preis zu finden. Sie werden finden - und schon haben Sie die Meukow-Schwelle übertreten...

Sollten Sie nun keines der oben erzählten Beispiele nachvollziehen können, liegen entweder Ihre Interessen in anderen Bereichen, aber das System dahinter  ist deckungsgleich - oder Sie lügen sich selbst an!
Denn die Vernier spricht: manisch sind wir alle!

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

WORTlieb mARTin 06/14/2009 16:48

...und wenn ich mal angefangen habe, Kommentare zu schreiben, kann ich wieder nicht aufhören...

"Sie müssen aber!", sagt mein Psychiater immer.
Aber muss ich wirklich?

WORTlieb mARTin 06/14/2009 15:30

Ohja das kenne ich sehr gut...

WORTlieb mARTin 06/14/2009 15:29

Ohja das kenne ich sehr gut...

Monk 06/12/2009 17:39

es ist eben eine gabe ....und ein fluch. aber irgendwie auch ein schöner fluch! Schliesslich schadet man niemandem damit, auch nicht sich selbst.

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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