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8. Juli 2009 3 08 /07 /Juli /2009 05:12

Liebe Frau Inge

 

Ihr kürzlich geschriebener Kommentar hat mich sehr gefreut und berührt. Ihre Sorge nicht nur wegen dem Mangel an Blog-Lesestoff, sondern eben auch die ehrliche Sorge um deren Verfasserin kreisen zur Zeit in meinen Gedanken umher.

Zeitgleich habe ich Frank Capra’s,  3-fach Oscar ausgezeichneter Spielfilm „Meet John Doe“ mit Gary Cooper und Barbara Stanwyck von 1941 gesehen. Kennen Sie diesen Film? Ich will bei diesem Beispiel keine Vergleiche mit meinem Blog ziehen, aber die Grundaussage dieses Filmes ist ebenso motivierend wie Ihre Zeilen.

 

Der Film wurde in der Kriegszeit gedreht; in einer Zeit voller sozialer Missstände, in einer Zeit, wo die Menschen wenig besassen und um ihr tägliches Brot kämpfen mussten. In einer Zeit, wo Rücksichtslosigkeit und Hass der Gerechtigkeit und der Liebe überwogen. Dieser Film appellierte an Solidarität, an das Miteinander und an das aufeinander respektvoll Achten.

Wir leben zwar nun in einer modernen, globalen, kapitalistisch weitentwickelten Welt – und trotzdem müssen wir uns in diesen immer noch goldenen Zeiten mit Problemen herumschlagen. Mir ist aufgefallen, dass die allgemeine Moral wieder auf die Zeigefingermethode zurückgreift. Und wer vom Zeigefinger ins Visier genommen wird, zur Zeit zum Beispiel die Raucher – oder die Arbeitslosen, die Gastgeber für Pfändungsbeamte, Banker (aber kaum Banquiers), etc., werden mit Verachtung gestraft. Ich sehe weder in den Medien noch in der Gesellschaft Anzeichen dafür, dass man diesen Menschen ehrlich helfen will, ihnen Verständnis entgegenbringt – im Gegenteil, sie gelten als eine Last für den Geldbeutel eines jeden gewissenhaften Bürgers. Und genau da sind wir wieder an dem Punkt angekommen, wo jedes Mitglied der Gesellschaft zum Einzelkämpfer wird. Zum selbständigen Einzelkämpfer habe ich die Beobachtung machen müssen: In meiner Nachbarschaft lebt eine alleinstehende, ältere Dame, welche mit einer unheilbaren Augenkrankheit, die zur Erblindung führt, geschlagen ist. Mein Mann und ich boten ihr unsere Hilfe an. Dabei glühte in ihrem Ausdruck ein so starkes Misstrauen auf, das mich aufschreckte. Die sogleich von ihr gegebene Antwort: „Ich werde Sie aber nicht beerben!“ machte mich schockiert sprachlos. Als ich die Sprache wiederfand, ihr versicherte, dass uns solche Gedankengänge fremd sind, nahm sie zögerlich die angebotene Hilfe an. Ihre spärlichen Einkäufe waren sehr gut mit den unseren vereinbar, es entstand absolut kein zusätzlicher Aufwand. Trotzdem war ihre Bedingung unmissverständlich, dass wir von ihr ein symbolisches Entgelt annehmen mussten, andernfalls würde sie verzichten. Warum sie wegen dieser Kleinigkeit so einen Wirbel veranstaltete war uns klar: Sie wollte um keinen Preis einen Gefallen annehmen, um gar keinen Preis der Welt in der Schuld anderer stehen, um keinesfalls Nähe zulassen zu müssen. Soviel Einsamkeit ist erschütternd, aber heutzutage normal. Eine weise Frau sagte kürzlich zu mir: „Wir können das uns Widerfahrene nur verarbeiten, wenn wir Verzeihen!“ Sie hat absolut Recht. In erster Linie dient die Verzeihung dem Frieden. Aber in zweiter Linie - und das ist wichtig bei dieser egomanischen Gesellschaft - bringt die Verzeihung dem Verzeihenden seinen eigenen Seelenfrieden wieder zurück. Ich wünsche dieser alten Dame und allen anderen Einsamen, die sich im Misstrauen suhlen, dass sie den Akt der Verzeihung vollziehen können. ... und verzeihen wir doch auch unseren Bankern, Rauchern, etc.

 

John Doe hat in seinen Reden eine für jedermann verständliche Sprache gesprochen und so die Menschen erreicht. Das Volk hat auf dem ganzen Kontinent „John Doe Club’s“ gegründet. Eine Verbindung von Menschen, die sich in Notzeiten – und selbstverständlich auch in guten Zeiten – zur Seite gestanden haben. Die Menschen hatten begriffen, dass in jedem dieselben Sehnsüchte, dieselben Ängste, dieselben Hoffnungen, dieselben Wünsche und auch Enttäuschungen stecken. Und dass, wenn man nicht miteinander spricht, auch jeder seine eigenen Schlussfolgerungen erzielt. Aber statt auf Spekulationen, die man sich zusammenreimt, seine Handlungen gegenüber anderen abhängig zu machen, ist das Leben doch viel einfacher, wenn man sich vom Schein der anderen – und vor allem des eigenen – nicht blenden lässt, sich öffnet und direkt und ehrlich nachfragt oder aussagt. Wir alle hatten schon unsere Nöte durchlebt, überstanden, haben Federn gelassen, haben’s auch überlebt – aber wie? Schwerer als es hätte sein können, wenn wir nur ehrlich und vor allem solidarisch zu unseren Mitmenschen gewesen wären. Oftmals sagen meine Freunde zu mir, dass ich trotz meines Alters naiv sei. Naivität ist nicht schlecht, ist auch kein Mangel. Wenn man gegenüber neuen Bekannten eine gewisse Naivität, anstatt dieses tief eingesessene Misstrauen anwendet, erleichtert man sich sein Leben um bleischwere Gewichte, die auf unseren Schultern lasten – zu tragen haben wir sowieso genug in diesem Leben!

 

Und deshalb habe ich mich, liebe Frau Inge, so sehr über Ihre Zeilen gefreut. Ich sehe darin ein Zeichen der Solidarität, des Verständnisses, der Ehrlichkeit, der Sensibilität, der Anteilnahme, des Respektes, der Aufmerksamkeit – kurz der ehrenwerten Menschlichkeit. Und das schenkt mir Mut und Zuversicht.

In diesem Sinne bedankt sich die Vernier bei ihrer hochgeschätzten Leserschaft!

Ihre Vivienne Vernier

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

Leila 07/13/2009 20:24

Ich will:
...auch dass jemand einen blog über mich schreibt.
...auch mehr lesen von dir!
...diesen john doe auch mal sehen (den film).
...einfach alles undnoch mehr solche blogs!

Vivienne Vernier 07/16/2009 01:58


Liebe Leila
Auch Sie sind ein John Doe oder eben eine Inge. Dieser Artikel spricht auch Sie an! Denn auch Ihnen möchte ich ein persönliches Merci sagen. Ein Merci für Ihre Treue. Anhand der Kommentare habe ich
gesehen, dass Sie auch eine langmonatige (-jährig kann ich noch nicht sagen, da ich erst seit 08 dabei bin)  Leserin meiner Gedanken sind, und Sie mich durch Ihre Aussagen auch immer wieder
zum Fortfahren bewegen. Ich liebe Kommentare, Rückmeldungen und Menschen mit Geduld, die auf Langfristigkeit - entgegen der Schnelllebigkeit - setzen.
Darum also: auch wenn ich nicht antworte, ich verfolge mit grosser Aufmerksamkeit die Reaktionen, lasse die Gedanken dabei wirken - und schreibe es im Blog verarbeitet nieder.


John Doe 07/10/2009 19:42

Merci dir!

Inge Spreitenbach 07/10/2009 15:24

Liebe Frau Vernier,
es freut mich ausserordentlich wieder von Ihnen lesen zu dürfen. Dazu kommt, dass mich ihr jetziger Artikel - der sich direkt an mich wendet - sehr berührt! Wer hätte das gedacht, dass ich einmal Gegenstand Ihres Blogs werde!! Ja ich kenne den Film "Hier ist John Doe" (wie er auf deutsch heisst) und ich empfinde für diesen Film - wie könnte es anders sein - das selbe wie Sie. Vielen Dank für Alles. Ich werde Sie im Auge behalten, meine liebe Frau Vivienne...

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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