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9. August 2009 7 09 /08 /August /2009 23:25

Der entscheidende Unterschied bei den Fragen „Haben Sie Angst vor dem Tode?“ und „Haben Sie Angst vor dem Sterben?“ liegt bei den Antworten. Auf die erste Frage antworte ich „Nein“, bei der Zweiten ist meine Antwort ein „Ja“.

Oftmals jedoch erhalte ich ein doppeltes Ja auf diese Fragen – entsprechend meinen Erwartungen. Der Tod und das Sterben sind Tabuthemen in unserem Kulturkreis, gegenteilig zu vielen anderen Kulturen. Dem geht aber der Reichtum, der Wohlstand voraus. Wir leben in unseren Breitengraden nach dem ‚american way of life – Prinzip’, in welchem wir unsere Träume und Wünsche mit genug Ehrgeiz und Glück realisieren können. Unsere Willenskraft ist eine Bestätigung der ausgeübten Macht unseres Begehrens. Die Vorstellung, dieses Zepter abgeben zu müssen, ohnmächtig dem Laufe der Dinge zuschauen zu müssen, ist nicht nur erschreckend, sondern traumatisierend. Wie also gehen wir mit dieser Tatsache anders um, als sie nur ignorieren zu können.

Kommt dann doch einmal die schlechte Nachricht zu uns, dass ein Bekannter verstorben ist, quittieren wir diese mit betroffenem Schweigen, rennen in die nächste Papeterie und kaufen für die Hinterbliebenen eine tröstende Kondolenzkarte, füllen meist gleichzeitig den Einzahlungsschein für eine soziale Institution aus - ganz nach Wunsch der Trauerfamilie. War der Verstorbene wichtig oder uns emotional näher gestellt, bestellen wir doch gleich noch einen Trauerblumenkranz mit Schleife für die Beerdigung.

Erkundigt man sich hinterher beim Trauergast nach der Beerdigungsfeier, kommt als erste Antwort bestimmt, wie viele Menschen teilgenommen haben. Das ist wichtig, denn nur so kann man ermessen, wie wichtig der Verstorbene in seinem Leben gewesen war. Und natürlich kann niemand ein böses Wort gegen den Verstorbenen erheben, schliesslich war er jedermanns Freund, ja schon fast ein Heiliger – schade, dass er so früh gestorben ist, der freundliche Zeitgenosse..., na, macht nichts, das Leben geht ja für uns weiter und es gibt soviel, was erledigt werden muss! Die Ignoranz hat uns wieder – zum Glück. Stellen wir uns jedoch der Thematik des Sterbens, des Todes und setzen wir uns damit auseinander, indem wir die Augen öffnen und versuchen, den Tod, soweit es uns möglich ist, zu begreifen, minimiert sich unsere Furcht vor dem Tod und dem Sterben.  Denn ohne dass es uns immer bewusst ist, erleben wir den Tod sehr oft in unserem alltäglichen Alterungsprozess.

 

Angefangen beim Berufswunsch, den wir als Kind hatten. Ich bin froh, dass er bei mir nicht in Erfüllung gegangen ist, sonst wäre ich jetzt Bäuerin, Wirtin und Sanitärzeichnerin auf einmal; Der Tod eines Wunsches, der mir recht ist. Oder erinnern Sie sich an den ersten Liebeskummer. An die Sehnsucht nach genau diesem ‚Freund’, der Ihnen doch keine Beachtung geschenkt hat. Wie sehr haben Sie sich gewünscht, dass er derjenige sei, der auf dem weissen Schimmel... Auch hier danke ich, dass diese Beziehung gestorben ist. Oder die Vorfreude auf ein Ereignis, welches sehnlichst erwartet wird. Und endlich ist es soweit. Die Vorfreude stirbt in Sekundenschnelle, das Ereignis ist da, nimmt uns in seinen Bann. Dabei wird alles andere vergessen. Wie viele Träume, Wünsche und Sehnsüchte haben wir im Laufe der Zeit begraben und sind genau deshalb um einige Erkenntnisse reicher geworden (Diese rhetorische Frage verlangt kein Fragezeichen).

 

Kleine Tode, aber Tode, die unserem Geist viel Vorschau geboten haben.

 

In der französischen Sprache spricht man beim Orgasmus nur von ‚le petit mort’, dem kleinen Tod. Man schwebt also in göttlichen Gefilden und ist dem Tode näher als sonst. Faszinierend dabei ist auch, dass genau dadurch der Ursprung des Lebens gründet.

Ob es nach dem Tod weitergeht, ob wir in ein Paradies oder in die Hölle kommen, ob wir von siebzig Jungfrauen empfangen werden, ob es dunkel wird und nichts mehr da ist, ob wir wiedergeboren werden, ob wir einen Stern im Nachthimmel abgeben werden - oder was man sich so ausmalt - wissen wir alles nicht. Aber alle glauben!

 

Wir noch Lebenden können beobachten wie es einem Sterbenden geht. Wenn man einen heissgeliebten Angehörigen beim Sterbeprozess begleitet, sind Worte nicht wichtig. Man fühlt und sieht – zuerst den Schock, dann die Wut mit der ‚Warum ich?’-Frage, später stellt sich mit den schwindenden Kräften die Resignation ein – und kurz vor der Endgültigkeit des hiesigen Lebens, stellt sich die totale Akzeptanz ein. Bei Mensch UND bei Tieren!

 

Aber wenn dieser Kampf - in dem es nur einen definitiven Sieger gibt - endet, wenn man sich ergibt und sich wie ein Baby dieser Erkenntnis ausliefert, schliesst man die Augen seelenruhig, gelöst und friedlich.

Ich stelle mir die letzten Minuten vor dem Tod ähnlich wie das Einschlafen vor. Um in den Schlaf gleiten zu können, müssen wir auch loslassen – erste Priorität liegt bei unserem Kontrollzwang. Wir müssen unseren Körper der Macht der Seele übergeben. Machen Sie doch einen Selbstversuch: Wie lange können Sie die Phasen vom Wachzustand in den Schlaf bewusst wahrnehmen? Versuchen Sie jede kleinste Nuance zu registrieren: Es lohnt sich!

 

Ich glaube, dass wir in den ewigen Schlaf ähnlich übergleiten. Nur wird uns dann jede Bürde abgenommen, tief sitzende Probleme und Aufgaben sind dann für uns begreiflich und wir werden verstehen, Klarsicht haben. Einfach sein. In der Seele aufgeblüht und frei.

Die Vernier spricht: Jeder muss sterben und jeder hat eine einzigartige Seele. Deshalb werden wir allein geboren, deshalb sterben wir allein.

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

Mariell 12/22/2009 13:58


Also ich finde den Artikel sehr gut! Bin der Meinung, dass wir frei darüber sprechen müssen und keine Angst vor dem Tod oder Sterben haben. Wie sind Lebewesen wie alles anderes und wir werden
sterben, das ist die Realität. Nicht ständig darüber sprechen, meine ich, aber sich frei zu fühlen das Thema zu diskutieren. Und leben, ohne Angst.


Carmen 11/13/2009 10:18


Für mich: Angst vor dem Tod = Nein... Angst vor dem Sterben = Jein. Gewaltsam möchte ich nicht sterben. Einschlafen wäre eine feine Sache. Damit ich nichts merke und mir nichts weh tut.
Gefällt mir der Artikel - man kommt ins Grübeln, was ja wohl damit bezweckt wurde :-)
Lg, Carmen


WORTlieb 08/10/2009 14:21

Korrigenda:
natürlich sollte es heissen "...ohne an die direkten Auswirkungen zu denken" oder "...ohne auf die direkten Auswirkungen zu achten".

Der Schreibfehlerteufel grüsst euch Fehlerfreien.

WORTlieb 08/10/2009 14:16

Eine gewisse Todessehnsucht empfindet man ja noch schnell als melancholischer Zeitgenosse, aber wer empfindet schon eine Sterbenssehnsucht? Gut, wobei...: Wenn wir in der Gesellschaft immer älter werden wollen, ohne an die direkten Auswirkungen zu achten, könnte man doch hierbei von einem "Vegetier-Verlangen" sprechen, oder?
Da bleib ich lieber bei meiner "Kleinen-Todes-Sehnsucht"...

Souffleee 08/10/2009 02:32

Sehr berührend. Ich denke, ich habe bis anhin wirklich zu wenig über den Tod nachgedacht. Ein richtiger Anstups-Blog!

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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