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26. August 2009 3 26 /08 /August /2009 02:50
Manchmal, nach einem Abend in Gesellschaft, schliesse ich die Wohnungstüre so wütend, so heftig, so energisch auf, dass meine Nachbarin, die Arme, wieder aus ihrer wärmenden, traummannhaften Kuscheldecke springen muss, im eisbärigen Pyjama mit den dazupassenden altrosa Pantoffeln ein Stockwerk erklimmen muss, nur um mich an den lärmschluckenden Gummi zu erinnern, der unbedingt zwischen meine Türe und meiner Angel angebracht werden sollte... – sie wird wohl nie lernen, dass gewisse Angelegenheiten den richtigen Zeitpunkt brauchen, sollten sie mit Erfolg gekrönt werden...
Heute Nacht war wieder einer dieser von ihr schlecht gewählten Augenblicke.
In meinem Stammlokal, das lebenslustig und kreativ durchmischt ist, sah das Gesprächsthema, die Stimmung nämlich nicht anders aus, als überall sonst: die Leute können nur noch klagen. Sie werden nicht unzufrieden - nein - sie sind es bereits aus tiefstem Herzen.
Wie sich diese Unzufriedenheit äussert macht mir aber grosse Angst. Natürlich nicht ihre Plappereien, die erscheinen mir wie immer wie ein Wasserfall, aber das Wasser ist nicht mehr klar, sondern trübe und braun.
Denn durch ihre Frustration sind sie wieder auf der Suche nach Dreck – selbstverständlich nicht nach Schmutz, der sich in ihrem Leben anhäuft; sie sehen nur noch den angeblich augenscheinlichen Schmutz der anderen, also nur den Dreck; und mag dies auch nur ein Staubkorn sein.
Dass man auf der Strasse, in der Bahn, an öffentlichen Orten vermehrt mit Argusaugen von Fremden durchleuchtet wird, oder ein unverfängliches Gespräch plötzlich von aufmerksamen Ohren umzingelt ist, gefällt mir gar nicht. Es ist aber nicht ein George-Orwell- oder ein Schöne-neue-Welt-Wahnsinn meinerseits, sondern die kaum mehr gezügelte Aggression des Senders an den Empfänger.
Es sind kleine Details, die mir immer mehr die ankommende Intoleranz zeigen. Mittlerweile muss man sich als Schwerverbrecher fühlen, wenn man den Kehrichtsack einen Tag zu früh auf die Strasse stellt, wenn man seinen Briefkasten erst in der Dunkelheit leert, wenn man bei einem sommerlichen Platzregen nicht einen geschützten Unterstand sucht oder in Panik den Regenschirm aus der Handtasche zückt, sondern glücklich seine Schuhe auszieht und barfuss ohne Regenschutz gemächlich dahin schlendert – schliesslich ist es auch nur Wasser, was da von oben kommt.
Mir scheint, die Masse formiert sich. Hoffen wir, nicht schon wieder braun.
Aber die Grundstimmung zeigt: Wer durch „ungebührliches Verhalten“, was soviel wie „sich selbst entfalten“ bedeutet, auffällt, gehört nicht dazu.
Auch die Devise, der Kunde ist König, scheint vergessen zu sein; die bürokratischen Briefe, zu meiner Zeit lernten wir noch Höflichkeitsfloskeln, enden nun öfters mit Ultimaten und weisen einen äusserst forschen Grundton auf.
Besteht man auf sein Recht, wie z.B. die Garantieeinhaltung des Herstellers, darf man nicht fordern, sondern muss demütig darum bitten, andernfalls wird sie verweigert.
Mir fällt auf, dass wir, ohne es bemerkt zu haben, vermehrt misstrauisch, aggressiv und leider nicht mehr im guten Glauben – sondern im schlimmst-anzunehmenden Fall, aufeinander treffen. Irgendwie dringt der fordernde Ton dieser bürokratischen Briefe bis in unser gemeinsames, freundschaftliches Zusammentreffen durch.
Ich habe heute Abend meine Bekannten in unserer Runde durch Fröhlichkeit, Unbekümmertheit aus ihren nagenden Verlustängsten (Job, Wohnung, Geld, etc.) reissen wollen. Leider haben sie sich an ihrem neuen Lebensmotto fest gezerrt und zwar so stark, dass sie meine Bemühungen mit Neid, Argwohn und Lächerlichkeit quittierten.
Aber dies war schliesslich nur die Zwischenbilanz – das Endergebnis präsentierte mir meine Nachbarin mit ihrer Gin-Ausdünstung.
Ihre Nörgeleien sind mir mittlerweile lieb und ein Quell des Lachens. Doch so wie sie und meine Bekannten mehr Trost im Alkohol suchen, wird dieser Teufelskreis von „beobachten, bewerten, verachten, bestrafen, besinnen und bereuen“ nicht durchbrochen. Alkohol sollte man in guter, unbeschwerter Stimmung geniessen und sicherlich nicht als Trostpflaster bei bedrückender Stimmung!

Die Vernier sagt: Prost im schönen Sinne! Auf euch Nichtbraunen, Nichtfrustrierten, Mitdenkenden! Im nächsten Blogbeitrag werde ich den Gedanken weiterführen.

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

Maraya 09/01/2009 16:51

Wundervolles, neues Design, sehr erfrischend!

Grinzzzzzzzz 08/27/2009 12:44

Grinsen wir der Krise ins Auge und lachen ihr ins Gesicht. Mach weiter so und höre nie auf, deine Freunde und Bekannte aus ihrem Frust zu holen, ohne sie belehren zu wollen. Der Mensche lernt mehr, wenn man mit gutem Beispiel vorangeht. Bravo!

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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