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4. September 2009 5 04 /09 /September /2009 17:00

Im Rausch der Regenbogenpresse wird Fiktion zu Wahrheit, werden Gerüchte und Bagatellen emporgehoben, werden die grössten Ammenmärchen-Erzähler zu wahren Propheten – wenn nur die Schlagzeile genügend Eklat verspricht, werden diese einschlägiger Magazine gekauft, gelesen und im TV gesehen. Zwar hört man immer wieder, dass angeblich niemand ein solcher Konsument sei, doch wehe, im Gespräch fällt ein Name, der aktuell gerade für Furore sorgt, dann wird man unverzüglich über des Sternchens ‚causa delikt’ aufgeklärt.

Auffallend dabei ist, dass diese einseitigen Meldungen meist kompromittierend und entwürdigend für die im Scheinwerferlicht stehende Person ist, aber auch lukrativ werbeeinträchtig. Die ganze Katastrophe entblösst sich dann aber erst vollkommen, wenn die Insider dem Gelesenen nacheifern und dazu unbewusst auch noch, unsere Wörter in ihrer Bedeutung neu prägen.

Eigenschaften, welche man heutzutage einer Diva zuschreibt, wirken sich zum eigentlichen Wortbegriff wie eine Karikatur aus. Diva, abgeleitet vom Italienischen bedeutet ‚die Göttliche’ und wurde nur als Bezeichnung für grosse Bühnendarstellerinnen vorbehalten – eine Ehrung! Ava Gardner, Maria Callas und Marlene Dietrich haben das Prädikat ‚Diva’ ehrlich verdient. In ‚Die barfüssige Gräfin’ wurde fast die Autobiographie der Frau Gardner verfilmt, und den ganzen Film hindurch zeigt sie, wie eine Diva sich verhält – in ärmlichen, sowie in luxuriösen Lebensverhältnissen. Sie hat eine natürliche Eleganz, Souveränität und Grosszügigkeit, ist feinfühlig und aufmerksam, musisch und begabt in der gepflegten Unterhaltung der Gesellschaft, in der sie sich befindet.

Ein weiteres Anschauungsbeispiel ist die Filmdokumentation des ersten Konzertes der Frau Dietrich in Israel, unmittelbar nach Beendigung des zweiten Weltkrieges. Von einem Regierungskomitee willkommen geheissen, wird sie als Erstes darauf aufmerksam gemacht, die deutsche Sprache nicht zu benutzen. Am Abend steht sie auf der Bühne und fragt ihr Publikum mit der grössten Pietät, ob es ihr gestatte ein Lied in Deutsch zu singen. Die Emotionen fliessen – im Publikum, auf der Bühne und vor dem Fernseher. Dieser Augenblick ist schmerzhaft perfekt. Denn bei einigen rinnen die Tränen ungehindert die Wangen hinab, einige sind schreckensstarr, aber jedem einzelnen liest man die intensivsten Emotionen ab, jeder ist mit jedem verbündet und verbunden, alle teilen die durchlittene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und Marlene Dietrich hat sich vor die Menschen gestellt, und auf die behutsamste Weise überhaupt gezeigt, welche Richtung man wählen muss, um mit dem geschehenen Schrecken leben zu können; sie hat sich mutig entschieden sich zu stellen, und lehnte das Verdrängen, Vergessen ab, sondern nahm an.

Unsere heutigen „Diven“ weisen im Vergleich doch kein Format mehr auf, und sind somit auch keine. Denn mit einem teuren Kleid überheblich den kamarabelagerten, roten Teppich entlang zuschreiten und ein zickiges Verhalten zu zeigen, ist wahrhaft nicht grossartig. Zu allem Übel weisen diese Schreckgespenster auch noch ein einseitiges, negatives Verhalten auf, bei dem nichts an innere Grösse erinnert.

Im heutigen Sinne einer Diva zieht die Vernier ihr Fazit:

Und es gibt sie immer noch, die Diven. Sie zeigen sich aber nur auf ausgewählten roten Teppichen, beweisen Charisma und Engagement und ihr humorvoller Geist durchdringt ihre Arbeit – ein Hoch auf Vivienne Westwood!

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

Free SMS 10/06/2009 21:35


hey klasse artikel.. :) Weiter so..

mfg alex


WORTlieb mARTin 09/07/2009 15:28

Schönsiezusehn
Oh wie ich sie liebe; diese Diven und diese Vivienne's!
Übrigens hier noch meine Lieblings-Neuzeit-Intellektuellen-Diva zur aktuellen Stunde: Thea Dorn! (aber sie interessiert sich ja nicht dafür)
Hatmichgefreut
Handkuss
Abgang.

Ilse Rokusch 09/04/2009 17:18

Viva Vivienne! (2x)

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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