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9. September 2009 3 09 /09 /September /2009 04:32
Desillusion ist eine der schlimmsten Heimsuchungen, von der unser Geist befallen werden kann. Denn sie raubt uns aus und hinterlässt gefährliche Lücken, bei denen wir in die bösartige, atheistische Frustration abstürzen könnten. Genau wie in Michael Endes Geschichte ‚Momo’ stürzt die Desillusion das Leben des Desillusions-Kranken in betonartiges Grau, raubt ihm jede Farbe aus seinem Leben – sozusagen das dreidimensionale Fegefeuer.
 
Forscher haben kürzlich - nach einer Theorie von
Stephen William Hawkings - einige Versuche über die Entstehung des Universums als Vorstudie zum sogenannten "Cern" durchgeführt. Dabei stellten sie fest, dass unsere dreidimensionale Wahrnehmung nur einen Bruchteil der vorhandenen Dimensionen in unserem Alltag darstellt. Wahrscheinlich existieren bis zu neun Dimensionen. Von diesen vermuteten 9 Dimensionen beinhaltet sicherlich eine auch die Farbwahrnehmung. Die Sensiblen unter uns können mit ihrer Phantasie und - als zusätzliches Hilfsmittel -  mit geschlossenen Augen, jedem Wort eine bestimmte Farbe zuordnen. Unser Geist, der uns mit blumigen, farbigen Illusionen verschiedene Antriebe schenkt, um das Leben freudvoll bis zum natürlichen Tod durchzustehen, ist von Natur aus sehr clever eingerichtet. Er arbeitet für einen nahtlosen Übergang von einer Illusion zur nächsten, er stimmt die begleitenden Farben aufeinander ab und arbeitet fleissig und unsichtbar nebenher.

Die Desillusion beendet ultimativ alles. Die Desillusion ist das Resultat unserer Fehler, aus denen erst die nächsten Generationen lernen können. Die Ent-täuschung hingegen nimmt uns eben die Täuschung und beerbt unserem Verstand mit einer konstruktiven Kritik und wahrer Klarsicht. Von meiner Illusion beraubt wurde ich z.B. bei der Tatsache, dass vom gesamten Wissen der Menschheit weniger als 5% im Internet zu finden ist – 95% des Wissensstandes der Menschheit stehen immer noch in der guten alten Bibliothek. Doch zählt es heutzutage zu einer Lächerlichkeit, den Platz an den Wänden für Bücher zu nutzen - anstelle eines Posters von Rothko. Ich wurde auch schon belächelt, weil ich für meine Arbeit ein verstaubtes Lexikon zur Hand nahm, anstatt die Google-Abfrage sekundenschnell zu einem Begriff gestartet zu haben. Diese Quantität oder diese rasante Nervosität, die heutzutage stets vor Qualität kommt, empfinde ich als chromfarbene Schrecklichkeit. Haben denn all die Googler vergessen, dass ein weiser Mann einmal so einfach formulierte: „Wissen ist Macht.“ Nein, geben Sie jetzt ja nicht dieses geflügelte Wort in der WikiQuote-Suchleiste ein, sondern suchen Sie die Lösung Ihrer Frage in einem Buch.

Desillusion überkommt auch die Macher. Ist z.B. ein Pionier seiner Zeit voraus und (er)findet einen neuen Gebrauchsgegenstand oder eine Formel, schickt er sie voller Freude und Enthusiasmus in die Welt – im Vergessen, dass nicht jeder des Erfinders anständiges Gemüt besitzt, oder dass die Menschheit nach dem Motto ‚je schneller, je weiter, je höher – desto besser’ strebt. Desillusionieren wir uns doch noch ein bisschen mehr: Wären Staubsauger, elektrische Küchengeräte (inkl. kleine, kompakte Herde) nicht erfunden worden, wären die Haushalte grösser und der Dienstleistungssektor würde in seiner wortwahren Dienstleistung funktionieren: Es gäbe immer noch Köchinnen, Stubenmädchen, Kammerdiener, Zofen, Butlers, Stallmeister, etc. Dass die Hausfrau, der Hausmann oder einfach wir in unserem heutigen Alltag alles von dem in Einem sind, zeigt, dass wir immer mehr die gestrichenen Stellen mit Robotern oder höllischen Lärm-Geräten ersetzen. Und so bequem Google und Wikipedia für den User ist, so gefährlich kann es sein. Mit den Brüdern Google scheinen mir die von Usern erzeugten Daten noch vertraulich behandelt zu werden – was kommt aber nach dem Ableben dieser genialen Erfinderbrüder oder nach dem Verkauf des Konzerns?  -  Klar ist: Die Desillusion wird die Konsequenzen unserer selbstverschuldeten Bequemlichkeit aufzeigen.

Die Vernier spricht zwar Klartext, aber dennoch voller Illusionen. So wünsche ich Ihnen, dass auch Sie die Farben der schönen Illusion behalten können, ohne die Realität der Ent-täuschung zu ignorieren: Stellen Sie sich als Mahnmal doch einfach einen bunten Blumenstrauss in Ihr Haus, Ihre Wohnung, Ihr Zimmer oder in Ihren Pappkarton.

Hochachtungsvoll,
Ihre Vivienne Vernier

P.S.
Wenn Sie sich noch mehr Gedanken über die Verwelkung der Illusion machen möchten, dann tauschen Sie den Blumenstrauss erst mit einem neuen aus, wenn der alte gänzlich verwelkt ist.

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

nadja 09/11/2009 18:27

danke für den tip mit den blumen - ich werde sie erst fortwerfen, wenn das wasser der vase auch verwelkt ist - und dann die augen nicht verschliessen, vielleicht werde ich schönheit in der hässlichkeit vorfinden...

Druxer 09/11/2009 14:08

Das LSD fährt richtig gut ein. Ein richtiger Trip war das: vom L zum D via S.

Mario Käse 09/09/2009 20:18

Sher viele Infos erhalten wir hier dank deinem Blog. Muss man erstmal sacken lassen. Wow!

Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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