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22. September 2009 2 22 /09 /September /2009 21:11

Letzthin wagte ich mich in einer Grossbuchhandlung in die Abteilung der esoterischen Bücher, die als „Lebenshilfe“ angeschrieben sind. 'Was für ein zynischer Scherz des Buchhändlers' dachte ich mir dabei.

Gewissenhaft begann ich die Titel dieses Sortimentes zu lesen. Alsbald jedoch empfand ich diese Titel wie Schreckgespenster einer Gruselbahn. Je weiter meine Augen über die Bücherrücken glitten, desto tiefer fuhr ich in das Herzstück dieser Gruselbahn hinein. Abscheu  und Ekel kamen stark in mir hoch.

Aus menschlichen Problemen, Verzweiflungen und Nöten dermassen Kapital daraus zu schlagen, empfinde ich gemeinhin als primitiv. Als krönende Frechheit, mit einem Ausrufezeichen, sind die zu bezahlenden Preise dafür.

Wahre Literatur jedoch ist preisgünstiger und nutzvoller; man muss z.B. bei den Klassikern nur den Protagonisten aussuchen, der die eigenen aktuellen Probleme im Buche durchleben muss, die Geschichte zu Ende lesen - und schon weiss man, wie die Lösung des persönlichen Problemes aussieht!


Den Käufern der 'hilfreichen' Esoterik-Büchern wird z.B. ans Herz gelegt, ihr Glück in einem fremden Kulturkreis zu suchen - obwohl unsere öffentliche Infrastruktur dafür keinen Platz aufweist. Z.B. kenne ich kein Unternehmen, welches zu Arbeitsbeginn, in der firmeneigenen Grünanlage!, die  vollzählige Arbeiterbelegschaft zu einer Tai-Chi-Stunde auffordert...

Man solle nichts desto trotz Rituale praktizieren, deren Durchführung und Haltung bereits die gesamte Konzentration in Anspruch nimmt. Wenn ich also meine Glieder zu einem 'schlafenden Kranich' verzerre und danach die Verspannungen davon spüre, ist das gut und schenkt mir den Durchblick zu den Gesetzen des Lebens...

Doch ist es bei unserem Kulturkreis nicht möglich, diese Rituale normal in Gesellschaft zu vollziehen – denn auch wir haben hier auf unserem Kontinent, Europa, eine lange und dominante Kulturgeschichte. Also wird der Leser aufgefordert, Schrullen, Dogmen und Lebensweisheiten anzunehmen, welche nicht der Natur seiner Erziehung entspricht und welche, wenn der Leser sein Augenmerk vollkommen darauf richtet, den armen Leser zu  einem einsamen Exzentriker und nicht zum gewünschten zufriedenen, originellen Individuum verändert.


Das Infamste jedoch sind die Bücher, welche in einem Zehn-Schritte-Programm die Erfüllung aller Wünsche versprechen. Bücher, die dem Leser erklären, er müsse seinen Wunsch, sogar den, welcher einer Bagatelle, wie z.B. eines freien Parkplatzes im Stadtzentrum entspricht, dem Universum übergeben und wenn dies dann vollbracht wurde, müsse der Leser mit begehrlichem Willen darauf warten.

Bücher mit leeren Worten, denn sie zählen nur auf, was wir bereits als Kinder gelernt haben – schreie nur laut genug, und es wird dir gegeben, du wirst bekomen, was immer du möchtest.

 

Was ich aber im ganzen ‚lieblichen’ Sortiment ‚Lebenshilfe’ nicht gefunden habe, waren die wahren Bücher über die bitteren Konsequenzen!

 

Wir bekommen vieles, wenn gar nicht alles, was wir uns wünschen – ein weltliches Gesetz ist das. Aber ein weltliches Gesetz ist auch, dass uns nichts, gar nichts geschenkt wird! Für jede Gabe wird eine Bezahlung von uns gefordert! Tatsache!

Fakt ist auch, dass diese Vergeltung zeitlich zur Gabe unabhängig ist. Dass sie uns vom siebten Himmel geradewegs auch in eine ganz persönliche Hölle schmeissen kann – und  in lodernden Flammen Tribut für unser erfülltes Begehren fordert!

 

Mit der schlichten Redewendung: "Jede Medaille hat eine Kehrseite" können wir auf die Abteilung 'Lebenshilfe' verzichten. 

Drehen Sie einfach die glänzende Oberfläche dieser Medaille um, wenn Sie sich wieder etwas wünschen. Entweder werden Sie die Medaille danach einfach wegwerfen, oder sie einstecken.

 

Die Vernier spricht: Ihre Entscheidungen liegen in Ihrem Ermessen. Und müssen in Ihrer Verantwortung bleiben - und auf gar keinen Fall in der Kompetenz des Universums, oder in dessen vakuumierter Energie!

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

Plumpa 08/14/2011 18:42



Das ist gut, sehr gut, was Du schreibst!



Vivienne Vernier 08/30/2011 12:18



Merci für das Kompliment.



Mira 09/23/2009 16:51


"Der schlafende Kranich" find ich geil...oder sowas wie der "schaukelnde Hund"...


nochmal WORTlieb 09/23/2009 00:08


Wollte nur sagen, dass dies der längste Kommentar ever war, den ich everever geschrieben hab. Das allein ist eine Würdigung. Ich verneige mich.


WORTlieb mARTin 09/23/2009 00:07


Liebe Vivienne
in diesem Artikel entdecke ich Seiten an dir, die ich noch nicht gekannt habe. Die zynische Seite zum Beispiel. Beim Lesen deines Artikels hier ging mir durch den Kopf: "Endlich sagts mal jemand,
der auch aus der esoterischen Ecke kommt!" Nicht, dass ich dich gleichsetze mit diesen von dir beschriebenen Büchern und Lebensratgeber-Autorinnen, sondern du vermittelst für mich eine Esoterik,
die weder der Realität, noch meiner Wahrnehmung negativ ins Auge sticht. Deine Ansichten sind für mich genauso esoterisch wie der Mensch im Grunde eben ist. Nicht hochsterilisiert und nicht
abgehoben, einfach real-bezogen. Das gefällt mir an deinen Texten, an deiner Sicht, an dir. Das zynische steht dir aber auch sehr gut...vielleicht solltest du schon allein deshalb mehr in den
Eso-Buchhandlungen verkehren....

"Jede Medaille hat ihre zwei Seiten" sagt das Sprichwort. Ich behaupte aber, dass die Medaille mindestens 3 Seiten hat. Sie ist nämlich auch im Besitz einer Kante. Der Kreis um die zwei seiten der
Medaille, ist die Kante, die dritte Seite der Medaille, bist du, Vivienne Vernier. Dafür und für deinen Blog im Allgemeinen danke ich dir vvon Seelen (oder Herzen). Merci.


Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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