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11. November 2009 3 11 /11 /November /2009 17:17

Aus der Reihe

[Die Frauen]


Eine Kategorie der Frauen, die sich immer grösserem Zuwachs erfreut, ist der Frauentyp Kokon oder umgangssprachlich als Esoterikerin bekannt. Sie sprechen meist mit leiser, feiner Stimme (als ob dies zeigen könnte, wie zart sie sind) und ihre Lieblingswörter sind: Fühlen, Spüren, Alternativmedizin Schwingungen, Aura, Liebe und 'ich verstehe Dich'. Diese Frauen wollen in ihren Gesprächen dem Gegenüber sofort klar machen, dass sie sanftmütige Geschöpfe sind, welche absolut befreit von negativen Gefühlen dahinleben. Das Gegenüber wird von diesen Frauen gleich zu Beginn des Gespräches nicht als vollwertiger Mensch akzeptiert, sondern das Gegenüber hat ihnen als Spiegel zu dienen. Ein Spiegel, den sie für ihre Lebenslügen benutzen. Sie streiten ab, dass auch sie nur Menschen sind. Menschsein beinhaltet eben auch schlechte Eigenschaften sein Eigen nennen zu müssen. Die Kokon-Frauen drücken ihre Augen fest zu, wenn dieser Spiegel ihren eigenen Egoismus, ihre Profitgier oder sogar ihren Hass entgegen reflektiert. Das wollen sie nicht. Weder sehen, noch hören und schon gar nicht gezwungen werden, sich selbst damit auseinander setzen zu müssen. Sie wollen doch nur ein Leben haben, das ausschliesslich mit Liebe, Verständnis, Geborgenheit und Vertrauen ausgefüllt ist. Alles, was damit nicht konvertiert, wird ganz einfach ignoriert. Sie betrachten die Welt durch einen Schleier, eben ihr persönlicher Kokon und dadurch wird ihre Sichtweise durchweicht, gebleicht, seicht und pastellfarben. Und genau das ist der Stolperstein ihrer Philosophie.


Wenn ich gezwungen werde, mit einer solchen Frau ein Gespräch führen zu müssen, möchte ich sie am liebsten anschreien und ihr sagen:

Nicht unsere Gedanken, nicht unsere Gefühle oder Emotionen und auch nicht unsere Worte machen uns zu einem guten Menschen, sondern unsere Taten und Handlungen!

Ich habe das nur einmal gemacht und dabei meine Geduld und fast meinen Verstand verloren. Nachdem ich verstummt war, sah mich die Esoterikerin betroffen an, Tränchen hingen in ihren Augen, kullerten über ihre Wangen. Der Situation angepasst, wäre wohl das Eingeständnis meiner Schuldigkeit gewesen. Doch ich sah und sehe heute noch nicht ein, warum ich mich wegen ihrer Tränen schuldig hätte fühlen sollen. Tränen sind nur dann berührend, wenn sie gerechtfertigt sind und vor allem der Ehrlichkeit entspringen. Nicht wenn Tränen dazu dienen, einen anderen Menschen zu manipulieren und ihn so zu erweichen, dass die tränenüberströmte Person ihren Willen durchsetzen kann und sie sich ihrer Pflicht entzieht – das ist einfach nur infantil...


Als mir die Kokon-Frau unter Schluchzern vorwarf, ich sei herzlos und unerbittlich, stimmte ich ihr unter Vorbehalt zu. In diesem Gespräch sei dies notwendig, um ihrer Lebensillusion einmal die Realität entgegenzuhalten. Eine Portion Scheusslichkeit hat das Leben leider für jeden Menschen vorgesehen und diesen Ration muss man annehmen, kauen und schlucken. Erst danach kann man sich versöhnen. Und mit dieser Aussöhnung auch die Sonnenseite des Lebens geniessen. Aber die Flucht vor der Realität mit schönen Worten zu kaschieren, ist keine wahre Lebensfreude. Das ist die nur die Schlucht der Diskrepanz, welche sich kontinuierlich weiter öffnet, je mehr man sie verleugnet.


Die Vernier spricht: Während sich die Kokon-Frau einpuppt, vergisst sie, dass der Kokon später verfällt. Und in einen Kokon wickelt sich nicht nur eine Raupe ein... Die Frage bleibt also offen, ob sich die Kokon-Frau später als Schmetterling oder als Hornisse entpuppen wird...


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Published by Vivienne Vernier - in [Die Frauen]
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Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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