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16. Januar 2010 6 16 /01 /Januar /2010 19:19

Carl_Spitzweg_buecherwurm.jpgWenn ich während eines Spazierganges an einem Buchantiquariat vorbei komme, hält mein Schritt von selbst inne, meine Augen wandern automatisch über die Auslage im Schaufenster, die Zeit steht abrupt still und meine Sinne weiten sich magisch. Ich rieche von draussen bereits den vertrauten Duft des alten Papiers, höre in meinem Kopf eine tiefe Stimme, die Zeile um Zeile eines literarischen Potpourri's leise vorliest, ich ertaste innerlich Prägungen wertvoller Ausgaben und Bilder nostalgischer Szenen alter Schriftsteller und deren Schreibstuben ziehen an meinem inneren Auge vorbei – Spitzweg's Bilder 'Armer Poet' und 'Der Bücherwurm' werden lebhaft gegenwärtig. Und wie jeder Büchersammler es kennt, erwacht sofort die Hoffnung auf eine bezahlbare Rarität zu stossen – der Instinkt des Schatzsuchers ist wie die Nase eines guten Spürhundes.

In diesem Zustand betrete ich das Antiquariat. Noch bei der Eingangstüre verschaffe ich mir einen Überblick der Kategorien. Schon nur daraus erkennt man den Besitzer des Geschäftes. Jeder Antiquar hat sein persönliches Ordnungssystem der Bücher. Aus diesem ist wortlos sein Interessengebiet zu erkennen; wie viel Platz räumt er den grossen Kunstbänden ein, welche Verlage oder welche Gilden in der Belletristik verkauft er, sind Erstausgaben und signierte Werke separat oder vermischt eingeordnet, hat er überhaupt noch Boxen gesammelter Werke von Schiller, Shakespeare und Co. oder hat der Antiquar sein Sortiment konsequent der verbrauchenden Laufkundschaft angepasst und verkauft daher Schund wie z.B. der von Dan Brown?

Nach dieser kleinen Inspektion begebe ich mich in das Meer der Bücher. Ich denke dann nicht mehr bewusst, sondern lasse mich nur treiben. Ich bin davon überzeugt, dass die Bücher den Leser rufen. In einem chaotischen Buchantiquariat ist der Besucher Odysseus und die Bücher sind die Sirenen, die mich locken wollen - und auch können. Dann stehe ich vor einem Regal, auch hier mag ich es, wenn die Bücher bis zur Decke reichen und der Kunde eine Leiter nehmen muss, um auch das oberste Regal durchstöbern zu können. Denn meiner Erfahrung nach ist jedes Mühsal in einem Buchantiquariat lohnenswert. Zu Beginn sind meine Augen noch konzentriert, jeder Titel und jeder Autor wird von mir vom Bücherrücken abgelesen. Wenn ich jedoch lange Zeit kein Buch aus den unendlichen Reihen des Regals herauszupfen kann, ermüden sich meine Augen, die Buchstaben vor mir verschwimmen, doch ich gebe trotzdem nicht auf – denn dann nähert sich dieser bestimmte Augenblick des Kribbelns, der Vorfreude auf einen grossen Fund. Und meist dann passiert es: Verschwommen abgelesen, picke ich mir dennoch ein Buch heraus, überfliege kurz den Text und spüre sofort, dass ich es haben will, dass ich genau dieses Buch jetzt brauche und lesen muss – der Instinkt meldet sich unwiderruflich, aber treffend. Dieser Instinkt hat nichts mit Intellekt oder mit Wissen gemeinsam – er ist pure Emotion. Durch diesen Instinkt bin ich an Bücher geraten, von denen ich noch nie gehört hatte, deren Autor nicht nur mir, sondern dem ganzen Internet unbekannt waren.

Mein Prozedere der Auswahl der Bücher endet dann damit, dass ich mich mit einigen Stapeln an Büchern in eine ruhige Ecke des Antiquariats zurückziehe. Dort wird jedes einzelne Buch nochmals auf mein Interesse geprüft; leichtes, mittleres und schweres Interesse. Gekauft wird von mir dann der ganze Stapel Bücher des schweren Interesses und die Hälfte des mittleren Interssses. Ich muss mich darauf beschränken, denn Büchereinkäufe sind schwer wenn man sie selbst nach Hause tragen muss. Und je schwerer die Last, umso kriechender wird der Heimweg. Auf dem Weg nach Hause juckt es mich dann die ganze Zeit, ein Buch aus der Tüte zu fischen und gleich im öffentlichen Verkehrsmittel mit Lesen zu beginnen. Mein Widerstandskampf genau dies zu unterlassen, fördert nur die Vorfreude und Erregung über den Einkauf.

Zuhause werden dann die Geheimnisse der eingekauften, antiquarischen Bücher von meinem Mann und mir so weit als möglich gelüftet. Durch die Widmungen im Buch erfährt man, von wo aus das Buch seine Reise bis zu unserem Haushalt gemacht hat. Welche historischen Ereignisse das Buch überstanden hat. Manchmal hält man zwischen den Seiten den Beweis in der Hand, dass das Buch auch als Bewahrer von Glücksbringer oder von Briefen, Notizen oder Haarlocken gedient hat. Ich spüre manchmal auch, ob das Buch geliebt oder gehasst wurde, ob es lebenseinschneidend oder unnütz für den vorherigen Besitzer war.


Die Vernier spricht: Trotz alledem und genaugenommen kann man ein Buch nicht besitzen, das ist nicht möglich. Ein Buch ist eine Reise des Geistes und der Psyche. Was wir behalten können, ist die Erinnerung an unsere Gefühle und Gedanken während des Lesens.

der-arme-poet

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Published by Vivienne Vernier - in Buch
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Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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