Jede Hochkultur manifestiert sich in einem Gebilde, welches
der Nachwelt oftmals jahrhundertealte Rätsel hinterlässt oder aufgibt. Nach zweihundert Jahren der Wissenschaft steht nun in
Genf das Monument unserer Geistesgrösse, das grösste Labor aller Zeiten: CERN, der Teilchenbeschleuniger. Das universelle Neuland lädt ein, theoretische Hypothesen zu erdenken, zu
beweisen, zu verwerfen und neu zu definieren.
Ein zeitgenössischer Autor, der die Bedeutung von eben diesem CERN erfasst hat, ist der Isländer Hermann Stefánsson.
Inspiriert von den Zielen und dem physikalischen Wissensstand hat er eine rasante Fiktion über das Erleben von Zeit und Raum
geschrieben; eine auf Einsteins 1905 veröffentlichte Relativitätstheorie basierende Zeitreise. Denn in der speziellen einstein'schen Theorie sind Reisen durch die Zeit durchaus möglich, jedoch
nur in die Zukunft. Durch den aktuellen Forschungsstand wissen wir nun aber, dass sogar Zeitreisen in die Vergangenheit mittels
einem Wurmloch möglich wären. So schickt auch Stefánssons Fiktion die Reisenden in die Vergangenheit
zurück...
Der litteraturverlag roland hoffmann legte in diesem Jahr die deutsche Ausgabe des Werks „Gudjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte“ auf, welches aus dem Isländischen von Richard Kölbl übersetzt wurde.
Gudjón Ólafsson, Schriftsteller und Protagonist dieser Geschichte, öffnet zusammen mit dem Leser die Augen im Vergessen. Als Einstieg
in das Buch erlebt der Lesende die ersten Momente der Verwirrung des Amnesiepatienten Gudjón. Und dies ebenso intensiv wie der Patient einer Hirnverletzung selbst. So wie Gudjón das weisse Nichts
in seinem Kopf akzeptieren und mit Wörtern, Definitionen und Erinnerungen neu füllen muss, so soll auch der Leser in die
Geschichte einsteigen; Ohne sichtbare Zusammenhänge oder gewohnte Absehbarkeiten, getrieben von einer sinnvollen Neugierde und
mit Wertschätzung der Satzfragmente. Es scheint mir, als ob der Autor seine Leserschaft zu Beginn des Buches den Urknall miterleben lässt.
Gudjón gewinnt durch die Klarheit seines Vaters und des Arztes Karl
Sigurdsson nach und nach seinen Realitätssinn zurück, findet klare Momente der Wirklichkeit, die einen Anker bilden und die Stabilität des Patienten fördern, der ansonsten in einer halt- und
grenzenlosen Gedankenwelt weilt. Auch hier erinnert die Geschichte an die Forschung und ich assoziiere sie sogleich mit der Ausweitung des Universums.
Während sich Gudjón seiner Rehabilitation widmet und er auch wieder seinem Lebensretter begegnet, den er schlicht 'der Hinzugekommene'
nennt, richtet sich die Aufmerksamkeit des Buches auf Gudjóns
ehemalige Lebensgefährtin Helena. Nach der Trennung von Gudjón zieht sie sich zu den Westfjorden Islands zurück, um in Ruhe der
Arbeit einer Buchübersetzung nachzugehen. Helenas Tun und Sein ist entspannend für den Leser, denn hier wird im Buch
erstmals der konformen Vorstellung einer Erzählung entsprochen. Hierbei vermischen sich jedoch Vergangenheit und Gegenwart, was dem
Verlauf der Geschichte eine tiefere Dimension von Raum und Zeit verleiht; eine wunderbare Spielerei des Autors mit dem Thema an und für sich. Ebenso spielt der Autor mit dem leichtgläubigen
Leser, der sich alsbald in einem vermeintlichen Krimi wiederfindet, als Helena eine Morddrohung erhält und die Nähe eines Verfolgers wahrnimmt...
Wie in der Stringtheorie scheinen die zwei unabhängigen Stränge Helena und Gudjón nun parallel zu wirken - als hätte sich zwischen den beiden ein Wurmloch geöffnet. Und so wie Gudjón von
der Relativität eingeholt wurde, wird auch Helena von Zeit und Raum überwältigt - so auch derjenige Leser, der sich an Helena zu halten versucht hat.
Zum finalen Allvergessen treffen Gudjón, Helena, der Arzt Karl, der mysteriöse Hinzugekommene und einige andere Amnesiepatienten in einer medizinischen Abteilung des CERNs wieder aufeinander. Auf den letzten Seiten splittet sich die Gruppe auf; die „Guten“ wandeln sich zu Materie, die „Schlechten“ zu Antimaterie. Für den Leser aber sind Zeit und Raum normalisiert, er landet sicher in der Schwerkraft der Erde.
Wie ein Zauberer lenkt der Autor die Aufmerksamkeit gekonnt auf die Geschichte von Gudjón und Helena, während er den Leser längst auf
eine Zeitreise durch all die physikalischen Gesetze und Theorien geschickt hat. Die nachskizzierte Handlung ist nur ein
Appetithappen vom ganzen Schmaus der Geschichte 'Gudjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte'. Der
im Original erschienene Titel "Algleymi" - was soviel bedeutet wie 'Entzücken' oder 'Ekstase' - hält natürlich auch, was er verspricht; es sind ausgewählte Trips des Geistes zu
historisch-geprägten Augenblicken. Zudem ist es ein einmaliges Buch, welches dem Leser das einzigartige Ereignis einer parallelen Erfahrungsreise in seine ganz persönliche Gedankenwelt
garantiert. Hier wird Lesen zur Erfahrung, das Buch zum Experiment und Erlebnis zugleich. Nicht zuletzt auch wegen des freien
Humor-Verständnisses des Autors Hermann Stefánsson. Bei
demjenigen, der sich auf das Werk einlässt, stellt sich das Gefühl einer distanzlosen Weite ein, er erhält eine Ahnung, wie sehr die Zeit spürbar veränderlich und relativ sein kann. Zudem findet man in diesem Buch ebenfalls vielerorts wunderbare Passagen
und herausragende Sätze:
"In Zimmern, in denen viel geschlafen wird,
bildet sich ein ausgeprägter Schlafgeruch aus.
Sogar meine Bücher riechen schon nach Schlaf."
Da wir im Schlaf und in unseren Träumen vielleicht schon längst Reisen durch Zeit und Raum unternehmen, hat mich dieses Buch wahrlich
entzückt! Wer nun jedoch immer noch vor der ganzen Physik in diesem Buch zurückschreckt, sollte sich dennoch nicht davon
abhalten lassen, eben genau dieses Buch zu lesen und sich von meiner Wertung überzeugen zu lassen.
Die Vernier spricht:
5 von 5 Wölkchen
In freundlicher Zusammenarbeit mit:
Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame,
gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien
ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine
alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt
worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier
spricht!
Verniers sind Norditaliener mit österreichisch-französisch-schweizerischem Einschlag & wird phonetisch so [ˈvɛʁnje̩] (wernje) ausgesprochen.
— Vivienne Vernier(@Die_Vernier) Juli 16, 2012
Plaudereien