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14. Januar 2010 4 14 /01 /Januar /2010 04:44

verhullte-baume.jpgGeheimnisse üben eine seltsame Faszination auf Mensch und Tier aus. Sie ziehen uns magisch an, sie fesseln uns auf unbestimmte Zeit, locken uns auf unbekannten Boden, auf unerforschtes Gelände, um uns latent herauszufordern und uns in ein Spiel zu verwickeln, dessen Regeln und Ausgang wir nicht kennen.

Geheimnisse locken in erster Linie neugierige Menschen an. Neugier ist Wissenshunger und Lernbereitschaft. Selbst die Neugier ist eine geheimnisvolle Kraft, die in uns wirkt, ohne dass wir erklären können, warum ein Sachgebiet unser Interesse erregt, uns dazu reizt, mehr darüber wissen und erfahren zu wollen. Diese Neugier, die uns Lebewesen an und in unerwartete Erkenntnisse treibt, Gedanken schenkt, von denen wir nicht geahnt haben, dass sie irgendwann einmal durch unser Hirn preschen werden. Durch diesen Drang können wir uns selbst Überraschungen schenken. Mit jedem unvorbereiteten Erstaunen erweitern wir nicht nur unser Wissen, sondern auch die Phantasie. Und Phantasie verleiht unserem Leben im Alltag einen Zauber, lässt nichts als selbstverständlich erscheinen, sondern zeigt uns Wunder auf.

Geheimnisse sind wie der Schnee, der im Winter die kahlen Bäume bedeckt. Die Kraft der Neugier ist der Wind, der diesen Schnee sanft verweht und jahrtausendlanges Bestehen offenbart. Die Verhüllungs-Performance im New Yorker Central Park von Christo und Jean-Claude habe ich unter anderem auch in diesen Zusammenhang interpretiert. Das jahrelange Sträuben der New Yorker Stadtväter gegen diese Aktion von Christo und Jean-Claude zeigt mir aber auch auf, wie sehr sich viele moderne Menschen gegen das Unsichtbare, gegen das Ungewisse und gegen die Geheimnisse wehren. Nüchtern und klar strukturiert, mit offensichtlichem Sinn und Zweck muss für sie alles erkennbar sein, nichts darf sich ihrer Routine und ihrer Realität entziehen oder unbrauchbar hinzu schleichen. Andernfalls könnte man ja Zeit verlieren. Und genau mit dieser Einstellung tritt ein Paradoxon auf: Die Zeit ist relativ – ergo abstrakt. Mit dem Argument der Zeit widerspricht die nüchterne und beweisfixierte Menschengattung sich selbst. Somit ist sie für mich ein Beispiel zur Bestätigung der effektiven Realitätsexistenz unserer Gedanken und unserer Phantasie. Und somit auch der Magie der Geheimnisse und deren Bann auf uns.

Warum widmen Archäologen ihr Leben der Suche nach längst untergegangenen Kulturen?

Warum führen Wissenschaftler Experimente durch, welche die aufgestellten Thesen beweisen sollen?

Warum konstruieren wir Satelliten, Raketen und Teleskope für die Erkundung des Universums?

Warum besuchen wir das Theater und die Oper zu deren Neuinszenierungen?

Warum warten Künstler auf den geheimnisvollen Kuss der Muse?

Warum lesen wir Bücher?

Weil wir von einer geheimnisvollen Neugierde erfüllt sind. Die uns nach Erkenntnissen dürsten lässt. Die uns nach bewegenden Emotionen hungern lässt. Die uns die Antwort nach dem Sinn des Lebens verheisst. Die uns am Leben erhält.


Die Vernier spricht: Es gibt viele Arten von Geheimnissen. Die, welche wir mit uns tragen, müssen im Verlaufe unseres Lebens mit anderen Menschen geteilt werden – denn: "Nur das unausgesprochene Wort währt ewig!" (Thomas D)

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Published by Vivienne Vernier - in Artikel
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Kommentare

WORTlieb mARTin 01/19/2010 02:47


Schöne, tiefe Worte, die Sie verwenden, welche man ersteinmal setzen lassen muss, um darüber gründlich zu sinnen. Das haben Sie aber des Öfteren an sich, werte Frau Vernier [|;¬), .

Abermoment: Sie sagen in Ihrem Fazit, dass Geheimnisse, die man mit sich trägt, im Laufe des Lebens teilen müsse. Ist es aber nicht vielmehr so, dass die wahren Geheimnisse mit ins Grab genommen
werden?


Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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