bat mich die Praxisgehilfin des Augenarztes, den ich wegen einer Augenentzündung aufsuchte. Als ich eintrat, saßen dort
bereits ein etwa dreizehnjähriges Mädchen - die nächste Patientin - mit ihren Eltern wartend. Die Mutter wirkte verbal auf ihre Tochter ein; ich setzte mich entfernt von ihnen nieder. Durch mein
eingeschränktes Sehvermögen konzentrierte ich mich auf meine anderen Sinne, wobei ich mich in meine Gedankenwelt vertiefen konnte. Ich schwelgte zwischen Selbstmitleid und der Erfahrung eines
Perspektivenwechsels; eines Sinneswandels sozusagen. Jedoch hinderte mich eine latente Störung an meiner inneren Einkehr. Gehör und Verstand erkannten, dass die Frauenstimme in einer mir äußerst
unangenehmen Tonlage einen Monolog hielt. Dem war kein Entrinnen möglich. So begann ich, den Worten also zuzuhören und entnahm daraus, dass sich die Mutter über den Arzttermin ihrer Tochter
echauffierte. Die daraus entstandene Dramatik, diese Leidenschaft und diese natürliche Schamlosigkeit zogen mich allmählich in ihren Bann.
Diese Mutter wollte ihrem Kinde mit ihrer Rede noch einmal ihre Meinung verdeutlichen. Sie als erfahrene Frau wisse nämlich genau, dass ihre Tochter keine Brille brauche. Gar keine Brille. Es sei ihr niemand aus ihrem breiten Familienkreis bekannt, der in irgendeiner Weise schlechte Augen besitzen würde. Im Gegenteil. Alle in der Familie rühmten sich eines scharfen Blickes. Da dieser Mangel eindeutig nicht von einer Vererbung stamme, war der Mutter sofort klar, dass es nur durch die pure Einbildung seitens ihrer Tochter soweit kommen konnte. Deshalb liege es auch offensichtlich auf der Hand, weshalb ihre Tochter eine Brille wolle – nur des gescheiten Aussehens wegen. Und wenn sie denn tatsächlich eine Brille bräuchte, trage ganz allein die Tochter selbst die Schuld dafür. Täglich müsse ihre Mutter sie ermahnen, dass Lesen eine schädliche Auswirkung habe. Besonders auf die Augen. Besonders das häufige Lesen von Büchern mit diesen kleinen Schriftgrößen führe zu Blindheit, das wisse man doch…
Weiter beklagte sich die schrille Mutterschaft über all die anderen Umstände und Mühen, die sie von explizit ihrer
pubertierenden Tochter erleiden müsse. Das sei mit einem solchen Kind schon immer so gewesen…
Fast
überraschend, aber genauso hemmungslos, brachte sich die Stimme des Vaters erstmals in das von mir belauschte Gespräch
ein. Er könne eben auch nicht verstehen, warum ausgerechnet seine Tochter plötzlich Probleme mit den Augen bekäme. Schließlich habe sie ja schon früher allen einen Schrecken eingejagt; Damals, als Bébé, habe sie nämlich einfach so über Nacht eine orange Haut bekommen... Da unterbrach ihn seine Frau energisch, dass dies nur von diesem ominösen Karottenbrei gekommen sei. Niemand auf dieser Welt hätte zu
ahnen vermocht, dass ein so gesundes Nahrungsmittel bei täglichem Verzehr eine Verfärbung der Haut bewirken könne. Nicht einmal die Grossmutter, die doch immer so selbstlos - morgens und nachts -
im Gemüsefeld des schlafenden Nachbarn diese verdammten Möhren für den besagten Brei geholt habe. Wirklich niemand hätte dies voraussehen können. Und außerdem sei die Haut sowieso nicht orange,
sondern eher postilliongelb gewesen.
Trotz der erdrückenden Rhetorik seiner Frau warf der Vater unbeirrt seine Kommentare in den Monolog hinein. Schließlich sei er bisher noch keinem Hasen mit Brille begegnet, nur deshalb habe man dem Kind diesen Möhrensaft vorgesetzt. „Einen Hasen mit Brille!“ murmelnd lachte er laut auf, bis das Gelächter fast verstummt war, um es sodann erneut aufflackern zu lassen. Wohl den Blick seiner Frau spürend, fügte er dann stotternd hinzu, dass es doch wirklich nur zum Besten eines solch quengelnden Bébés gedacht gewesen sei. Und nochmals: Schließlich gebe es keinen Hasen mit Brille – oder orangem Fell.
Die Wortführerin wandte sich nun wieder zum Kind, ob es ihm denn eigentlich nicht klar sei, wie hoch die Kosten für eine Brille wären. Sie müsse wissen, dass diese Brille dann aber Geburtstags-, sowie Weihnachts-, sowie Ostern- und überhaupt einfach alle Jahresgeschenke beinhaltete. Bestimmt habe die Tochter auch vergessen, dass sie dann diese Brille immer und ewig tragen müsse und diese doch nur ihr Gesicht verunstalte. Und dass es so nur noch schwieriger werden würde, später einmal einen Mann zu finden. Höchstens einen, der selbst eine Brille brauche. Dies sei eben dann das Problem der Tochter, nicht ihres. Das Kind müsse es sich eben selbst überlegen, ob sie sich wirklich eine Sehhilfe wünschte, nur weil es intelligenter aussehen wolle… - sie wurde unterbrochen: Der Augenarzt öffnete behutsam die Türe des Wartezimmers, grüßte freundlich und bat die Kleinfamilie ins Behandlungszimmer.
Die Vernier sprach nichts, seufzte dann aber erleichtert auf.
Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame,
gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien
ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine
alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt
worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier
spricht!
Verniers sind Norditaliener mit österreichisch-französisch-schweizerischem Einschlag & wird phonetisch so [ˈvɛʁnje̩] (wernje) ausgesprochen.
— Vivienne Vernier(@Die_Vernier) Juli 16, 2012
Plaudereien