Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
10. Juni 2010 4 10 /06 /Juni /2010 05:51

Die Hälfte des Jahres 2010 n.u.Z. haben wir nun erlebt.  Die Zeitungen sind voller fetter Schlagzeilen, ein Desaster jagt das andere und wir können kaum noch aufatmen, geschweige denn uns entspannen – jederzeit könnte über uns ein neues Unglück hineinbrechen. -4824FD60-5FD1-4187-B8F7-6BF1ABAF6966-Picture.jpgSchliesslich sind wir eine auf- und abgeklärte Gesellschaft, die weiss, dass die Welt voller Gefahren ist – was uns glauben lässt, dass wir unerschütterlich sind – natürlich nur mit einer angemessenen Ignoranz und einer massvoll entsprechenden Arroganz. Wir sind nicht nur wegen sinkenden Börsenmärkten, ausgelösten Umweltverschmutzungen und politisch schnellentzündeten Konflikten pessimistisch gestimmt, sondern auch durch unser Wissen des Absehbaren, des Misstrauens gegenüber jenen, denen wir eine Ohnmacht verspüren. - Trotzdem finde ich es erstaunlich, wenn ich sehe, wie selbstverständlich man im Alltag gegenüber gesichtslosen Unternehmen sein Vertrauen ausspricht.

Ja, es ist sogar paradox.

 

 

 


Eine Frau unterschreibt für ein Begehren einer WWF-Kampagne gegen die unlauteren Methoden von Nestlé in Entwicklungsländern. Eine leichte, höfliche Geste. Die nette Frau setzt sich danach in ein Café und studiert die Börsenkurse in der Zeitung; in ihrem Wertschriftendepot befinden sich nur Anteile von Gesellschaften mit hoher Bonität, darunter selbstverständlich auch Inhaberaktien von Nestlé. Ein anderer, sehr souveräner Herr sitzt ebenfalls in diesem Café und diskutiert mit seinem enormen Sachwissen über das Weltgeschehen. Lautstark und selbstbewusst zitiert er Artikel von unterschiedlichsten Zeitungen und Magazinen. Man hat das Gefühl, dieser Mann weiss, wovon er spricht. Leider ist ihm nicht bekannt, dass all die unterschiedlichen Quellen ein und demselben Verlag gehören. Ist seine Meinung nun effektiv massgebend oder nur die Parole einer einzigen, einflussreichen Depechenagentur?

 

 


 

Wir sind eindeutig zu schnell bereit unser Vertrauen den attraktiven, äusserst bequemen und kurzgefassten Meldungen  einer fettgedruckten Schrift zu glauben. Oder wägen Sie - und ich spreche hier Sie, den Leser, die Leserin direkt an - die bereits abgepackten Lebensmittelprodukte einer Kaufmarktkette zu Hause noch ab, um herauszufinden, ob es sich tatsächlich und wirklich um exakt genaue 150Gramm handelt? Oder hinterfragen Sie Nachrichten mit einem einfachen 'Warum'? Oder eben mit einem 'Warum nicht?' Werden Sie misstrauisch, wenn eine Meldung weltweit für Empörung sorgt oder schliessen Sie sich sofort der Meinung einer grossen Gruppe an? Geben Sie den im voraus Verurteilten noch eine Chance im Sinne der Philosophie des 'In Dubio Pro Reo's? Bemühen Sie sich auch ein Ereignis im ganzen geschichtlichen Verlauf einzuordnen oder trennen Sie strikte die katastrophale Auswirkung einer Nachricht für Ihr Urteil? Können Sie eine Meldungen noch relativieren oder angemessen reflektieren indem Sie die Vor- sowie Nachgeschichte kennen? Erinnern Sie sich beim Lesen jeder Zeitung daran, dass die Medien die 5. Staatsgewalt sind?

Spüren Sie die unterschwellige Zensur? Hat Herr Ackermann tatsächlich die Rüge von Frau Merkel verdient, als er in einer spätgesendeten Talkshow ehrlich auf die Fragen des Moderators antwortete und somit seine öffentliche Verantwortung seiner Wahrheit anstatt der allgemeinen Beruhigung verschrieb? Ist die Laudatio von Henryk M. Broder für Marcel Reich-Ranicki zur Verleihung der Ludwig-Börne-Medaille tatsächlich so irritierend durch ihre Worte oder einfach nur durch das Recht auf eine unpopuläre Meinungsäusserung?

 

 

Die Vernier spricht: „Ich applaudiere Henryk M. Broder für seine Laudatio! Und gratuliere Marcel Reich-Ranicki für diese abermalige Auszeichnung!“

 

Bild-Quelle: FAZ

Diesen Post teilen

Repost 0
Published by Vivienne Vernier - in Film
Kommentiere diesen Post

Kommentare

Rapi 06/18/2010 14:41


Interessante Einstellung. aber die Zwei beruhen ja aufeinander


WORTlieb mARTin 06/15/2010 07:08


Durch einen gemeinsamen Freund bin ich erstmals auf diesen Artikel gestossen. Er hat ihn mir empfohlen. Und zwar völlig zurecht. Entgegen der Masse stellst Du Dich zur Zeit und das gefällt mir
bestens. Ich danke für Solidarität mit Israel und für Dein immer wiederkehrendes Feingespür. Und ein Hoch auf Hendrik M. Broder!!! Liebe Grüsse Dir, Vivi

Gezeichnet: Dein Lieblingspoet.


Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

portraitaugeblog3.jpg
Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

      vernier_micro.png

 feed-Kopie-1.png  twitter-Kopie-1.png  facebook-Kopie-1.png

Besucherzaehler