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6. Februar 2010 6 06 /02 /Februar /2010 06:45
buecher.jpgNüchtern betrachtet sind Bücher beschriebene und gebundene Papierseiten, die leicht zu erwerben sind und selbstverständlich unserem Alltag angehören. Die Bausteine dieser Materie sind also schlicht. Aber es ist nur die Struktur der äusseren Schale, des äusseren Scheines welche diesen Eindruck vermitteln. Bücher transformieren geistige Gedankenstränge zu Materie.

Der Kauf eines Buches ist zugleich das Ankommen unseres Geistes in einer fremdartigen und unermesslich weiten Landschaft.

Durch den Akt des Lesens verlassen wir die Leibhaftigkeit und geben uns bewusst dem Schatzhaus des Geistes hin. Die gelesenen Worte, Sätze, Abschnitte und Zeilen sind Entdeckungsreisen und zugleich Formgebung - also die Architektur - dieses Schatzhauses mit all seinen Winkeln, versteckten Ecken und Kurven, Erhöhungen und Vertiefungen – unendlich weit und lang.

Faszinierend, dass man durch das geschriebene Wort plötzlich Düfte wie wilden Lavendel in der Provence, Rosenwasser aus der Parfumherstellung oder einen frisch geschnittenen Rasen riechen kann. Dass man plötzlich den Geschmack eines Hagenbuttentees mit einem Orangenschnitz, eine vollmundige Weintraube oder einen würzigen Schluck Whisky schmecken kann. Dass man die melancholischen Klänge der Klarinette und Geige, die verspielten Töne des Pianos oder den akzentsetzenden Bass hören kann. Dass man plötzlich die wellenspaltenden Klippen, regennassen Grünflächen oder farbigen Gärten vor dem inneren Auge sieht.

Manche Bücher prägen sich bereits nach dem ersten Text-Abschnitt ein; - hört man später einmal einzelne Sätze, meldet sich unser Gedächtnis und wir können den harmlos daherkommenden Code im Nu enträtseln. Beispiele gefällig?


Das Atelier war überfüllt vom üppigen Duft der Rosen, und wenn der leichte Sommerwind durch die Bäume des Gartens fuhr, drang durch die offene Tür der schwere Geruch des Flieders oder der zarte Hauch des rosig blühenden Dornstrauches. (Oskar Wilde, Das Bildnis des D.G.)


Um das Jahr 1850 liess sich im Elsass ein Lehrer mit allzu grosser Kinderschar dazu herab, Krämer zu werden. (Jean-Paul Sartre, die Wörter)


Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. (James Joyce, Ulysses)


Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der im Besitze eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muss wie nach einem Weibe. (Jane Austen, Stolz und Vorurteil)


Der Spätsommermorgen war lau, und die Türe zum Klassenzimmer stand offen. (Friedrich Torberg, Der Schüler Gerber)


Gestalten erschaffen kann meiner Meinung nach nur, wer die Menschen lange Zeit erforscht hat, wie ja auch niemand eine Sprache beherrscht, der sie nicht gründlich erlernt hat. (Alexandre Dumas, Die Kameliendame)


Da er Raat hiess, nannte ihn die ganze Stadt Unrat. (Heinrich Mann, Professor Unrat)

 

Mein Weg durch die Literatur begann, als ich als Mädchen auf dem lichtlosen Dachboden meiner Grossmutter Türme von verschlossenen Kisten fand. Neugierig auf das Abenteuer öffnete ich die Geheimnisse und fand darin Bücher. Ich zerrte sie im wortwahren Sinne an das Licht, und begann zu lesen. Ohne Vorkenntnisse verliess ich mich auf meinen Instinkt der Neugierde und war sofort gebannt. Meine Entdeckung behielt ich für mich, schlich mich aber auch in jeder freien Minute davon und frönte meinem „Laster“ heimlich. Bald aber wurde ich von meiner Grossmutter dabei erwischt. Ich erhielt eine sanfte Standpauke, denn ich sei für gewisse Schriften noch zu jung...bevor die Kisten plötzlich aus ihrem Dachboden-Versteck verschwanden, konnte ich einige meiner Lieblinge retten, doch der Rest. war weg.. So musste ich nach Ersatz von der damals noch verbotenen Frucht „Literatur“ suchen. Ich fand ihn sehr schnell; bei der Bibliothekarin meines Vertrauens erhielt ich Zutritt zu der „Erwachsenenliteratur“ mit der Bedingung, der Bibliothekarin meine Eindrücke aufs Genauste zu schildern, wenn ein Buch gelesen war. Diese Bibliothekarin nenne ich heute im Stillen meine Butterblume, die mir ermöglicht hatte, das Gelesene im Gespräch mit ihr besser zu begreifen.

Somit stach ich in die weite See der Bücher, treibe in diesem mysteriösen Gewässer, entdecke immer wieder Neuland und erforsche es. Belletristik, die mich immer wieder aufs Neue zu interessanten Fachgebieten bringt, füllt meine Bibliothek genauso wie Fachbücher über die Entwicklung der Sprache und der Kultur, Bücher gefüllt mit Statistiken über „unnützes“ Wissen, verschiedenste Bildbände, Anthologien zu spezifischen Themen, Sammlerausgaben für die Liebhaberei und Bücher, die in die Rubrik 'Kunterbuntes' fallen.


Die Vernier spricht: Die Passion der Bücher ist pure Sinnlichkeit, gepaart mit Nostalgie und ist trotzdem zeitlos. Bücher sind ein nie endender Prozess der geistigen Nahrungsaufnahme und diese muss nicht immer schmecken, denn es ist wichtig, sich auch mit Lesestoff gegen das Vergessen auseinander zu setzen, damit sich die Historie nicht wiederholt und wir auf einer humanen, gerechten und anständigen Werterhaltung aufbauen können.

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Published by Vivienne Vernier - in Buch
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Kommentare

David Hautzner 04/08/2010 11:30


Wahrscheinlich gibt es auf der Welt nichts so widersprüchiges wie ein Buch. Nichts sieht genauso schlicht und simpel aus und ist gleichzeitig voller Magie und Gedankengängen, die das Leben
verändern können. Und viele können das gar nicht sehen, aber wer in diese Welt untertauchen kann, der weiß es.


Die Vernier spricht

...über ihre Causerien!

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Cau|se|rie; [kozəˈriː]; lat.'causa' „Ursache“; frz.'causer' „plaudern“ ist eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt. Zumeist handelt es sich um kurze, informelle essayistische Arbeiten und Vorträge. In der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien ist der Begriff sehr gebräuchlich für informelle Gesprächskreise. Das reicht von Vernissagen, Soirées, Literaturkreisen, bis hin zu Musik-Sessions, die Jazz-Causerie genannt werden. Eine alltägliche Begebenheit kann mit scharfer Beobachtungsgabe an Brisanz gewinnen. Interessant wird es jedoch erst, wenn der gegenwärtigen Scharfsicht auch noch eine Prise Phantasie hinzugefügt worden ist – schliesslich sind Paradoxa die Grundsteine des menschlichen Lebens! Sodann wird das grosse Finale in bildreicher Sprache serviert. Und deshalb hört man zu, wenn die Vernier spricht!

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